Während der Computer hochfährt, öffne ich die Kiste und nehme eine kleine, schwarze CD – Tasche heraus. Jede der Scheiben ist ein eigenes, besonderes Fotoalbum mit hunderten von Bildern. Nun eröffnen sie mir seit langem wieder die Einblicke in die Zeit ab meinem dreizehnten oder vierzehnten Lebensjahr. Ich war ein Neunundachtziger Jahrgang, habe damals den Umbruch von gedruckten Fotos auf digitale erlebt, und all die Momente meiner jüngsten Kindheit sind noch in den „alten“ Bilderalben des letzten Jahrhunderts verewigt, die mit dem Anbruch eines neuen Jahrtausends und dem Aufstieg und Sieg der Technik fast vollständig aus unser aller Alltag verschwanden. Sophie bestand immer darauf, diese Tradition am Leben zu erhalten und regelmäßig Fotos der Familie auszudrucken, und so befindet sich bis heute ungewöhnlicherweise doch eine beträchtliche Sammlung jener großen Bücher in unserem Regal. Die Alben ihrer und meiner Kindheit leisten ihnen Gesellschaft, somit ist diese Zeitspanne meiner Jugend die einzige wirkliche Lücke in der Chronik – eine Lücke, auf die ich nun schon seit dem Ende meiner Studienzeit nicht mehr sah.
Jetzt tut es gut, diese Leere endlich wieder auszugleichen. Und als ich mir den PC auf die Knie, auf die weiße Krankenhausdecke stelle und mich mit meinem alten Passwort einlogge, da ist plötzlich alles wieder da. Nach all der langen Zeit ist das Betriebssystem längst veraltet, aber ich finde mich noch so gut zurecht wie damals. Mit einem Schlag sind sie wieder da, all die Erinnerungen von damals, und das Stöbern durch meine alten Dateien ist wie eine Zeitreise, die mich für einen Moment verjüngt, mich in ihren Bann zieht und mir all meine Sorgen nimmt. Jedes Foto, das ich sehe, ruft mir den dazu gehörenden Moment vor Augen; es ist, als ob ich Jugend zwar in rasender Geschwindigkeit, aber dennoch mit all ihren kleinen Details noch einmal erleben darf. Ein Rausch innerer Freude überwältigt mich, wie ich nie für möglich gehalten hätte; dann halte ich inne, aufgeweckt durch einen ganz plötzlichen, impulsiven Einfall, um ein weiteres Mal hinein in die Kiste zu greifen. Schnell finde ich, was ich suche: meinen alten Mp3 – Player, und auf ihm die grandiose Fülle all meiner Lieblingsbands von damals. Auch wenn ich vielen von ihnen bis heute treu geblieben bin und es sich daher mit den Songs doch anders verhält als mit den Bildern, die ich seit Jahren nicht gesehen habe, erscheint er mir wie eine Reliquie aus Vergangenen Tagen. Erleichterung macht sich in mir breit, als ich feststelle, dass auch er noch funktioniert, und die Musik zieht mich voll und ganz in ihren Bann, während auf dem Bildschirm vor meiner Brust die Gesichter meiner Freunde vorüberziehen. Und dann, ganz zum Schluss, es muss schon eine Ewigkeit vergangen sein, bleibt nur noch eine CD mit einem einzigen Fotoordner übrig.
Er enthält die ersten Fotos von Sophie und mir, die ersten, zarten Momente unserer Liebe und unseres gemeinsamen Lebens, in der Blüte unserer Jugend. Da wird es auf einmal ganz warm in meiner Brust; ein nun fast schon fremdes Gefühl, das ich, wie mir scheint, seit dem Ausbruch meiner Krankheit und dem Beginn der Therapie nicht mehr erleben durfte.
Dann ist alles vorbei: Die Musik geht aus und ich bin bei den letzten Bildern angelangt. Ich schalte den Mp3 –Player aus, klappe den Computer zu, und sitze wieder in meinem Zimmer –allein. Inzwischen ist es wieder dunkel draußen und hat leicht angefangen, zu schneien. Es muss erst gegen fünf Uhr sein, doch im Winter ist die frühe Dunkelheit nichts Ungewöhnliches.
Zeitgeist!
AntwortenLöschenHallo erstmal,
AntwortenLöschenIch finde deine Idee ganz interessant. Ich frage mich (und dich ;)), ob die Geschichte in der Zukunft spielt?