Keine drei Stunden später steht sie vor mir, das schönste Mädchen auf der ganzen Welt. Vor mir, in meinem Zimmer, und ich weiß, es ist kein Traum. Sophie sieht mich an, blickt mir genau in die Augen, blickt in mich hinein, mitten in meine Seele. Ich kann es kaum ertragen, sie anzuschauen. In ihrem Gesicht mischt sich all ihre Liebe mit dem Schmerz, den ich ihr bereite. Es bricht mir das Herz, sie so zu sehen, wie sie da vor meinem Bett steht und leise weint. Es ist 8 Uhr am Morgen; etwa eine halbe Stunde, nachdem ich sie angerufen habe. Sie ist sofort gekommen und sie hat alles dabei.
Unser Schweigen zieht sich in unendliche Längen. Seit Sophie hier ist, haben wir noch kein Wort gewechselt. Wozu auch? Wir kennen uns seit einer Ewigkeit, und noch über diese hinaus. Schon als ich sie das erste Mal sah, hatte ich das Gefühl, sie schon immer zu kennen, selbst vor dem Anbeginn meiner eigenen Existenz. Und heute, jetzt, sind wir lange über jegliche verbale Kommunikation erhaben. In dieser Stille, zwischen den drückenden Wänden dieses Krankenhauszimmers, offenbaren wir uns mehr, als Worte jemals sagen können.
„Ich habe gewusst, was los ist, als du nach der Kiste gefragt hast.“ Sie sitzt auf dem Stuhl neben meinem Bett und hält meine Hand. „Hast du sie gleich gefunden?“ Meine Frage ist eine Belanglosigkeit, doch wir beide wissen, wohin uns dieses Gespräch führen wird. Jeder von uns wusste, dass es früher oder später einmal so kommen würde, und doch zögern wir nun, versuchen, den längst verlorenen Frieden noch so lange wie möglich zu bewahren. Es ist wie ein Spiel, das keiner gewinnen kann, doch das ist der noch letzte Stützpfosten unserer einst so heilen Welt. „Wie könnte ich vergessen, wo sie war. Wir haben sie doch zusammen in den Schrank auf den Dachboden gestellt, direkt neben die alten Fotoalben. Erinnerst du dich nicht mehr an den Tag? Du hast mir diese dicke Spinne auf die Schulter gesetzt, und ich habe das ganze haus zusammengeschrien und hätte dir beinah den Kopf abgerissen.“
Wir müssen grinsen, und sie hat es wieder einmal geschafft, alles Glück der Welt für mich in einem einzelnen Moment einzufangen.
„Das weißt du noch? Das ist mindestens dreißig Jahre her…!“
„Edmond, so etwas vergesse ich doch nicht! Das war einer der wenigen Momente in meinem Leben, in denen ich dich fast umgebracht hätte!“
Und plötzlich wird es wieder still, als wir beide feststellen, dass uns am Ende doch die Realität eingeholt hat. Sophie sieht mich an, aus ihren Augen brechen neue Tränen hervor. Es ist eine Qual, die Frau meiner Träume nach über fünfzig Jahren Ehe so zu sehen, zu wissen, dass ich der Grund dafür bin. Da sehe ich ein, dass ich eigentlich nur noch will dass es vorbei ist. Ich will ihr sagen, was sie eigentlich schon weiß, wie, um es zu besiegeln und uns endlich wenigstens von dieser Last zu befreien.
„Sophie, ich habe nicht mehr viel Zeit. Ich kann es spüren, weißt du, tief in mir drin.“
„Sag so etwas nicht, bitte.“ Sie blickt nach unten, streicht sich mit der Handfläche die Tränen von den Wangen, atmet tief durch. „Das ist sicher nur die Chemo. Weißt du noch, wie schlimm es nach der ersten war? Jetzt ist dein Körper noch mehr geschwächt, und das ist auch ganz normal. Denk daran, was die Ärzte sagen, du hast immer noch eine Chance. Du musst einfach nur durchhalten, Liebling, gib bitte nicht auf.“
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