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Wir sehen uns eine Weile ruhig an, dann nickt mir Nicolai kurz zu. Ich erwidere seine Geste, die stille Übereinkunft zwischen uns, dass es hierzu nichts mehr zu sagen gibt. Dann ergreife ich noch einmal das Wort. „Es tut gut, mit dir darüber gesprochen zu haben, auch wenn ich wohl selbst einen Ausweg aus meiner Misere finden muss. Ich werde noch einmal über deine Worte nachdenken, mein Freund. Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mir manchmal wünsche, etwas von deiner rationalen Art entwickeln zu können..“ „Rational?“ fragt er. „Meine Güte, ich bin doch nicht rational, Edmond. Im Gegensatz zu dir vielleicht ja, aber ansonsten… Aber gut, ich verstehe schon, was du meinst. Wir haben uns schließlich oft genug in unseren Leben an den vielen, unterhaltsamen, kleinen Diskussionen über diese Art von Themen erfreut, die wir im Laufe der Jahre geführt haben. Ich werde sie in Zukunft sehr vermissen, glaube ich.“

Schweren Herzens sehe ich auf die runde, weiße Uhr an der Wand. „Es ist spät geworden, Nicolai. Sieh dir nur an, wie die Zeit vergangen ist. In einer halben Stunde bekomme ich mein Essen, und dann besucht Sophie mich noch einmal. Sie kämpft jeden Tag darum wie ein Tiger, und die Ärzte versuchen immer wieder, ihr einzureden, dass ich doch Schlaf und viel Ruhe brauche. Ich weiß nicht, wie lange sie damit noch durchkommen wird, schließlich bin ich ja offiziell mitten in einer Therapie.“ „Dann werde ich bald aufbrechen, Edmond. Es ist zwar erst kurz nach Mittag, aber ich will euch jede Minute gönnen, die ihr jetzt noch zu zweit verbringen dürft.“ „Ich danke dir, dass du noch einmal hier warst“ sage ich. „Wenn ich recht habe, dann ist dies das letzte Mal, dass wir uns sehen, Nicolai. Wenn ich in zwei Wochen noch lebe und mich geirrt habe, dann bist du natürlich herzlich willkommen. Das wäre sogar einer meiner größten Wünsche, aber…“ „Ich verstehe schon, Edmond. Und ich hoffe, du siehst in den nächsten Tagen noch all die Gesichter wieder, die du noch einmal bei dir haben möchtest. Ich wünsche dir alles erdenklich Gute, was auch immer du tust und was auch mit dir geschieht. Bleib stark, so wie du es immer warst. Versprochen?“ „Versprochen“ entgegne ich, mit dem schweren Wissen, meinem alten Freund in unseren letzten Minuten ins Gesicht gelogen zu haben. Wir drücken uns noch einmal die Hände, so wie wir es schon immer zum Gruß und zum Abschied getan haben – das letzte Mal, dass ich seine feste Hand in meiner fühle. „Du bist ein toller Freund gewesen, Nicolai. Eine wahre Bereicherung für mein Leben, zu jeder Zeit. Verzeih mir alles, was es zwischen uns zu verzeihen gibt. Und würde ich mehr Zeit haben, dann hätte ich natürlich noch so oft mit dir gespielt, bis du mich auch einmal eingeholt hättest – aber du weißt ja, wie das im Leben ist. Alles, was einen Anfang hat, hat auch ein Ende, Mr. Anderson.“ Er lächelt und klopft mir noch einmal auf die Schulter, dann zieht er seinen Mantel über und steht auf. „Du hast noch etwas vergessen, Nicolai.“ Er blickt mich mit ernsten Augen an, sieht dann kurz unter sich und atmet tief durch. Sein Blick füllt sich mit tiefer Wehmut, als er sieht, dass ich ihm schweigend zunicke. Er kehrt noch einmal zu meinem Bett zurück, streckt seine Hand nach einer schwarzen Figur auf unserem Schachfeld auf dem Nachttisch und macht seinen letzten Zug. „Schachmatt“ sagt er, dann dreht er sich um, wischt sich eine Träne aus dem Gesicht und ist durch die Tür verschwunden.

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