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Es ist traurig, dass alles so enden musste. Oder ist es eher traurig, dass das Ganze überhaupt so angefangen hat – mit einer Illusion? Es fällt mir noch schwer, mein Dasein rückblickend nun unter diesem Aspekt zu betrachten: Dass sich alles, woran ich je geglaubt habe, letztendlich doch nur als vergänglich und als Schein herausgestellt hat. Ich habe zwar genauso wenige Beweise dafür, dass dem so ist, wie ich einst für die Existenz meines Gottes hatte, aber seltsamerweise ist mein Bewusstsein nun für diese, meine neue Wahrnehmung, viel empfänglicher…jedenfalls jetzt. Mein Schicksal muss ich zwar trotzdem bestreiten und den Weg in meine Nichtexistenz gehen, aber wenigstens bin ich mir nun sicher, dass es jedem anderen auch so gehen wird. Dass wir alle vielleicht nur leben, um zu sterben. Dass ich nicht alleine bin, auch wenn der Preis dafür das Eingestehen der Sinnlosigkeit unserer Existenz ist. Und so kann es mir schließlich egal sein, was mit mir passiert. Ich kann mich zurückziehen, um einfach gar nichts mehr zu fühlen, genau, wie ich bald nicht mehr sein werde. Es ist ein erleichternder, wenn auch trostloser Gedanke, aber mir ist alles recht, um mit meiner Lage fertig zu werden – irgendwie. Jetzt fühle ich mich bereit für den ewigen Schlaf, als einer von vielen, der ihn in kürze empfangen darf. Ich werde all das für mich behalten, all meine Gedanken und neuen Erkenntnisse; sie sollen nicht zur Last für Sophie und die anderen werden, jedenfalls nicht, bevor sie sich irgendwann selbst darüber bewusst werden, so wie ich gerade. Ich sie mit in mein Grab, und es ist nicht schlimm, denn im Moment dienen sie nur mir alleine, und die Zeit wird kommen, in der ich nicht mehr auf sie angewiesen sein werde.
Alles, was ich tue, zu essen, zu liegen, auf die Schwester zu warten, läuft nun nur noch auf den einen Moment heraus, in dem sich meine Augen für immer schließen. Es geschieht mit monotoner Gleichheit und zieht an mir vorüber, als wäre ganz unwirklich, als würde ich es gar nicht richtig wahrnehmen. Die Zeit vergeht, der Abend kommt, und schon bald gebe ich mich wieder meiner alten Freundin, der Dunkelheit hin, um in meinem Bett mit ihr zu verschmelzen. Da weiß ich, dass ich nun endgültig mit dieser Welt abgeschlossen habe. Sie bedeutet mir noch so viel mit all ihren Menschen darin, jenen, die mich lieben und denen ich meine besten Erinnerungen verdanke, aber sie alle können nichts mehr für mich tun, und irgendwann werden sie auch an meiner Stelle sein. Denn auch wenn alles im Nichts endet, so hatte ich doch eine wundervolle Zeit auf dieser Erde, die umso wundervoller war, als ich noch nicht wusste, was letzten Endes wirklich in ihr vorgeht. Mein Unwissen war eine Gnade, genau wie mein Glaube. Gaben, die meinen Lieben noch gegönnt sind und ihr Leben bestimmen. Ich will ihren schein nicht zerstören, sie sollen Frieden haben, solange es geht. Und auch ich habe nun schließlich endlich meinen Frieden, wenn auch auf eine andere Art und Weise. Nun ist es Zeit, zu schlafen, jetzt, da ich es kann – frei von jeder Sorge, weder betrübt noch glücklich. Letztendlich ist doch alles egal und läuft auf ein einziges Ziel hinaus, und ich erfülle meine Rolle in diesem Strom der Zeit und füge mich meinem Schicksal.

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Erst jetzt wird mir das Ausmaß unseres Treffens bewusst. Erst jetzt beginne ich zu verstehen, dass ich Nicolai niemals wieder sehen werde, dass wir zwar in Freundschaft auseinandergegangen sind, aber dieser Abschied dennoch für immer währt. Ich fange endlich an, das Wesentliche zu begreifen – dass mein Leid gerade erst begonnen hat, und dass noch viele Verluste wie dieser folgen werden. Er ist nicht nur aus dem Raum herausgetreten, sondern aus meinem Leben, und mit ihm löst sich ein Stück von mir selbst in Nichts auf. Und so wird es weitergehen, Tag für Tag, bis nichts mehr von mir übrig bleibt. So sterben mein Körper und meine Seele dann doch noch gemeinsam – ist das die Botschaft, die unser letztes Gespräch geboren hat? Alles fällt in sich zusammen und stürzt in Vergessenheit, wenn seine Zeit gekommen ist, bis sich selbst die Grundfesten der Erde im Schatten verlieren und vergehen.

Die neuen Gefühle beherrschen meinen Geist, als hätten sie sich um die tiefsten Wurzeln meines Herzens geschlungen. Jeder Gedanke, jeder Atemzug kündet von dem bevorstehenden Verlust meines Lebens, meiner Welt, meiner Liebe. Nichts kann mir Trost spenden, weder Sophie, noch die Kunde, die sie mit sich bringt. Viele werden kommen, Bekannte, Freunde, Verwandte. Die Kinder. Doch nun ist alles vergebens, was mich freuen sollte, vergrößert meinen Schmerz, nun, da ich von dem bitteren Geschmack des letzten Abschieds gekostet habe. Sie sitzt noch lange bei mir, doch sie bemerkt, dass ich verändert bin. Ich glaube, es macht ihr Angst, aber sie fragt nicht und äußert auch keine Klage, obwohl ich in Gedanken weit entfernt von ihr bin. Heute sind keine Scherze angebracht, kein Schwelgen in Erinnerung und kein Genießen unserer letzten gemeinsamen Stunden. Unsere sonstige Einheit beschränkt sich auf das physische Beisammensein, doch im Weiteren kann sie mich nicht erreichen.
Schließlich schicke ich sie nach Hause, adieu, Sophie, und sage ihr, dass ich nun schlafen will und einen großen Tag vor mir habe. Ich will mir nicht vorstellen, was sie dabei denkt, dass sie dabei wahrscheinlich selbst so viel weiß, dass es ihr den Schlaf rauben wird; ich möchte nur allein sein und versuchen, mit all dem selbst fertig zu werden. Worin findet das Leben seinen Zweck, wenn am Ende jedes Dasein doch nur im Tod mündet und zu Staub zerfällt? Was hat mir die kurze Zeit gebracht, die ich auf dieser Erde verweilen durfte, wenn meine Existenz wieder ins Nichts zurückkehrt und zerfällt, und es jedem Einzelnen von uns so gehen wird? Schließlich gehen wir alle zugrunde, und die Welt wird uns überdauern, bis auch ihre Zeit gekommen ist. Es gibt nichts Ewiges, nichts Unendliches, an dem wir uns festhalten können, außer vielleicht unserer Hoffnung, die sich in was manifestiert – in Gott? In der Idee eines Gottes?
Und plötzlich wird es in meinem Kopf ganz still, als mein Herz gerade beginnt, das Ausmaß meiner Gedanken zu verstehen – dass ich jetzt, so kurz vor dem Tod, meinen Glauben verloren habe und zur Vernunft gekommen bin. In mir fühle ich, dass mit einem Schlag mein Leben wieder ein Stück dunkler geworden ist – und doch ist eine große Last von meinen Schultern verschwunden.

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Wir sehen uns eine Weile ruhig an, dann nickt mir Nicolai kurz zu. Ich erwidere seine Geste, die stille Übereinkunft zwischen uns, dass es hierzu nichts mehr zu sagen gibt. Dann ergreife ich noch einmal das Wort. „Es tut gut, mit dir darüber gesprochen zu haben, auch wenn ich wohl selbst einen Ausweg aus meiner Misere finden muss. Ich werde noch einmal über deine Worte nachdenken, mein Freund. Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mir manchmal wünsche, etwas von deiner rationalen Art entwickeln zu können..“ „Rational?“ fragt er. „Meine Güte, ich bin doch nicht rational, Edmond. Im Gegensatz zu dir vielleicht ja, aber ansonsten… Aber gut, ich verstehe schon, was du meinst. Wir haben uns schließlich oft genug in unseren Leben an den vielen, unterhaltsamen, kleinen Diskussionen über diese Art von Themen erfreut, die wir im Laufe der Jahre geführt haben. Ich werde sie in Zukunft sehr vermissen, glaube ich.“

Schweren Herzens sehe ich auf die runde, weiße Uhr an der Wand. „Es ist spät geworden, Nicolai. Sieh dir nur an, wie die Zeit vergangen ist. In einer halben Stunde bekomme ich mein Essen, und dann besucht Sophie mich noch einmal. Sie kämpft jeden Tag darum wie ein Tiger, und die Ärzte versuchen immer wieder, ihr einzureden, dass ich doch Schlaf und viel Ruhe brauche. Ich weiß nicht, wie lange sie damit noch durchkommen wird, schließlich bin ich ja offiziell mitten in einer Therapie.“ „Dann werde ich bald aufbrechen, Edmond. Es ist zwar erst kurz nach Mittag, aber ich will euch jede Minute gönnen, die ihr jetzt noch zu zweit verbringen dürft.“ „Ich danke dir, dass du noch einmal hier warst“ sage ich. „Wenn ich recht habe, dann ist dies das letzte Mal, dass wir uns sehen, Nicolai. Wenn ich in zwei Wochen noch lebe und mich geirrt habe, dann bist du natürlich herzlich willkommen. Das wäre sogar einer meiner größten Wünsche, aber…“ „Ich verstehe schon, Edmond. Und ich hoffe, du siehst in den nächsten Tagen noch all die Gesichter wieder, die du noch einmal bei dir haben möchtest. Ich wünsche dir alles erdenklich Gute, was auch immer du tust und was auch mit dir geschieht. Bleib stark, so wie du es immer warst. Versprochen?“ „Versprochen“ entgegne ich, mit dem schweren Wissen, meinem alten Freund in unseren letzten Minuten ins Gesicht gelogen zu haben. Wir drücken uns noch einmal die Hände, so wie wir es schon immer zum Gruß und zum Abschied getan haben – das letzte Mal, dass ich seine feste Hand in meiner fühle. „Du bist ein toller Freund gewesen, Nicolai. Eine wahre Bereicherung für mein Leben, zu jeder Zeit. Verzeih mir alles, was es zwischen uns zu verzeihen gibt. Und würde ich mehr Zeit haben, dann hätte ich natürlich noch so oft mit dir gespielt, bis du mich auch einmal eingeholt hättest – aber du weißt ja, wie das im Leben ist. Alles, was einen Anfang hat, hat auch ein Ende, Mr. Anderson.“ Er lächelt und klopft mir noch einmal auf die Schulter, dann zieht er seinen Mantel über und steht auf. „Du hast noch etwas vergessen, Nicolai.“ Er blickt mich mit ernsten Augen an, sieht dann kurz unter sich und atmet tief durch. Sein Blick füllt sich mit tiefer Wehmut, als er sieht, dass ich ihm schweigend zunicke. Er kehrt noch einmal zu meinem Bett zurück, streckt seine Hand nach einer schwarzen Figur auf unserem Schachfeld auf dem Nachttisch und macht seinen letzten Zug. „Schachmatt“ sagt er, dann dreht er sich um, wischt sich eine Träne aus dem Gesicht und ist durch die Tür verschwunden.

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„Das ist allerdings ziemlich seltsam, Edmond. Soweit ich weiß, erweitern sterbende Menschen ihren Horizont eher, was das Thema Religion betrifft, als dass sie sich, aus welchen Gründen auch immer, plötzlich ganz davor verschließen…“ „Gerade das ist ja mein Problem“ entgegne ich. „Ich verschließe mich nicht davor, ganz im Gegenteil. Ich wäre froh und beruhigt, wenn ich diese innere Gewissheit, die ich immer hatte, auch jetzt bei mir feststellen könnte, und am besten stärker denn je. Aber dem ist leider nicht so. Ich fühle mich, als würde sich dieses Thema ganz einfach meinem Verstand entziehen, auch wenn das im Moment das Letzte ist, was ich will. Den Grund dafür kenne ich nicht, aber ich fühle mich deswegen so alleine…als hätte mich alles verlassen, an das ich je geglaubt habe.“ Dann herrscht Stille zwischen uns, wir beide sind peinlich berührt von meiner so plötzlichen Offenbahrung. Ich lehne mich in meinem Bett zurück und atme tief durch. Dieser Ausbruch hat mich viel Kraft gekostet, nun fühle ich mich etwas erleichtert. Mein Blick ruht auf meinem Freund, der sichtlich nachdenkt. „Ich fürchte, ich kann dir nicht helfen, Edmond. Ich kann dir nicht sagen, warum du so fühlst. Wie du dir denken kannst, war ich selbst noch nie in einer solchen Situation, und ich kann auch nicht sagen, dass ich jemals von etwas Derartigem gehört habe. Ich bin mir nicht sicher, ob du meine Meinung dazu kennst, aber vielleicht hilft sie dir ja, diese ganze Sache ein wenig gelassener zu sehen, auch wenn sie dir keinen Trost spenden wird.“ „Ich bin froh über jede neue Meinung, die ich hören kann“ entgegne ich ihm. „Dann schieß mal los.“ „Nunja, Edmond, ich sehe das Ganze so: Ich kann nicht wissen, was nach dem Tod mit meinem Bewusstsein, meiner Seele, oder wie auch immer man es nennen will, passiert – das ist einfach ein Fakt. Ich glaube, ich persönlich finde die Vorstellung, dass nach dem Leben einfach nichts mehr kommt, nicht so beängstigend wie manch anderer, jedenfalls habe ich bis jetzt noch kein Problem mit einer möglichen Voraussicht auf meine zukünftige Nichtexistenz. Die Idee von etwas wie einem Himmel, oder zumindest einem Ort, an dem man denen wieder begegnen kann, denen man wieder begegnen möchte, finde ich schön und interessant; wobei ich hier gar nicht über Wahrscheinlichkeiten spekulieren möchte. Und jegliche Vorstellung von etwas wie einer Hölle halte ich für kompletten Unsinn.“
„Bei deinem letzten Punkt stimme ich dir zu“ erwidere ich ihm schmunzelnd. „Aber auch ansonsten ist es ja schon durchaus sinnvoll, was du sagst, Nicolai. Letztendlich wissen wir einfach nicht, was passieren wird, und das ist das einzig Sichere, auf das wir uns verlassen können – ansonsten bleiben uns nur Wünsche, Hoffnung und Spekulationen. Und prinzipiell könnte ich auch mit der Option meiner zukünftigen Nichtexistenz leben, denn wenn es so wäre, dann wäre ja sowieso alles egal, aber… Du musst versuchen, mich zu verstehen. Ich habe irgendwo mein ganzes bisheriges Leben auf diesen Grundsätzen aufgebaut, an die ich geglaubt habe, habe in Entscheidungssituationen stets in Gedanken an sie gehandelt und mich an ihnen festgehalten, wenn ich vor schier unlösbaren Problemen stand und schon fast verzweifelt wäre. Und jetzt fällt einfach alles in sich zusammen – da kann ich nicht noch einmal neu anfangen, über all das nachzudenken und noch im letzten Moment meine Grundauffassungen ändern, so gern ich auch möchte. Und genau das ist mein Verderben.

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Dann entschließe ich, es endlich hinter mich zu bringen. „Weißt du, Nicolai, eigentlich ist es ganz einfach. Und das ist ja das Schreckliche daran.“ Ich schenke mir ein Glas Wasser aus der Flasche ein, die auf meinem Nachttisch steht. Obwohl es nur Raumtemperatur hat, erfrischt es meinen müden Körper wie Ambrosia. Ich genieße noch für einen kurzen Augenblick den frischen, lebendigen Geschmack in meinem Mund, dann fahre ich zögerlich und schweren Herzens fort. „Ich vermute, dass ich nicht mehr allzu lange zu leben habe. Dieser Gedanke ist mittlerweile für mich ein Faktum geworden, das nicht mehr von meinen Gedanken und Handlungen abgrenzbar ist; er ist inzwischen einfach ein Teil meiner Welt geworden. Aber da gibt es eine Frage tief in meinem Herzen, die mich immerzu beschäftigt und mich nachts nicht mehr ruhig schlafen lässt. Wir reden hier von dem Problem, mit dem sich jeder Sterbende unumgänglich konfrontiert sieht, wenn es auf das Ende zugeht.“ Nicolais kluge Augen mustern mich unnachgiebig. Dann hat er verstanden und antwortet mir. „Es geht dir um die Frage, ob es danach noch weiter geht, nicht wahr?“ Ich beginne, langsam und mit schwerem Herzen zu nicken, bevor ich weiter rede. „Nicolai, du weißt, ich war mein ganzes Leben lang ein überzeugter Christ, auch wenn ich mir niemals etwas aus der Kirche und deren ganzen Dogmen gemacht habe. Ich hatte immer meine ganz eigene Auffassung von Religion oder einer Gottesvorstellung, aber ich war immer überzeugt davon, dass da ein Gott ist, der uns liebt, und habe immer fest an ein Leben nach dem Tod geglaubt. Aber jetzt, wo mir nur noch so wenig Zeit bleibt, da ist dieses beruhigende und sichere Gefühl, das da immer in meinem Unterbewusstsein war, plötzlich…weg. Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Vielleicht machen mich diese ganze Therapie und die Medikamente auch einfach mürbe, aber es ist, als ob dort in meinem Gehirn – und auch in meinem Herzen – an der Stelle, die vorher jegliche Gedanken und Gefühle von Religion beherbergt hat, nun einfach eine große Leere ist. Und davor habe ich Angst. Das alles war vorher immer ein großer und wichtiger Bestandteil meines Lebens, und nun ist dort einfach eine Lücke, die mir den Boden unter den Füßen wegreißt.“ Ich hole kurz Luft, trinke noch einen Schluck, versuche, mich etwas zu sammeln. Dann fahre ich fort. „Als ich erfahren habe, dass ich krank bin, war das für uns alle ein Schock. Wir wussten, dass für Patienten in meinem Alter die Chancen auf Heilung nicht mehr allzu gut stehen. Und eigentlich war ich seit dem ersten Moment dieses Bewusstseins auf meinen Tod eingestellt, auch wenn ich ihn noch in weiter Ferne sah. Aber trotzdem war es irgendwie in Ordnung für mich, irgendwann einmal zu sterben. Ich war nie jemand von denen, die ihre eigene Auseinandersetzung mit diesem Thema so lange herauszögern wie möglich; das war zum Beispiel etwas, über das ich mit Sophie auch schon in den ersten Jahren unserer Beziehung oft sprechen konnte – einfach, weil wir jung waren und uns das Thema interessiert hat. Wir beide hatten schon damals kein Problem mit dem Gedanken an den Tod, weil wir beide fest daran geglaubt haben, dass das, was uns eigentlich ausmacht, unsere Charakter, unsere…Seelen nach unserem Ableben noch weiter existieren. Dass sie an einen Ort kommen, an dem etwas Gutes herrscht, und dass sie sich dort wiederfinden. Aber all das ist für mich jetzt nicht mehr da, und ein Gefühl sagt mir, dass mein Unterbewusstsein endlich die Realität eingesehen hat.“

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Ich atme innerlich auf, erleichtert, dass ich ihn richtig eingeschätzt habe und dass er mich versteht. Damals, als wir uns kennen lernten, war er schon immer ein sehr ernster, junger Mann, auch wenn er sich selbst wohl anders wahrgenommen hat. Die anderen machten sich deswegen immer etwas lustig über ihn – er sprach sehr bedacht und war immer bemüht, sich höflich und gewählt auszudrücken – aber für mich war er mit seiner gelassenen Art immer ein Pol der Ruhe, was ich in unserer Freundschaft stets zu schätzen wusste.
„Ich sage dir, warum du hier bist, Nicolai. Und ich glaube, auf der ganzen Welt wärst du eine der wenigen Personen, die das auch wirklich verstehen. Es ist gut, dass du so schnell gekommen bist. In diesem Moment versucht Sophie gerade, noch ein paar andere Menschen für mich zu erreichen, und ich weiß nicht, wann sie hier eintreffen werden. Denn leider ist es so, dass die meisten Leute, die ich gern noch einmal sehen würde, inzwischen quer durch das Land und die ganze Welt verteilt sind, und ich zu den meisten jahrelang keinen Kontakt mehr hatte. Die nächsten Tage werden für mich also ziemlich chaotisch, da bin ich froh, wenn ich mit dir noch einmal ganz in Ruhe reden kann.“
Nicolai beugt sich leicht nach vorn zu meinem Bett und sieht mich eindringlich an. Er atmet tief durch. „Edmond?“ „Ja?“ „Hast du Angst?“ Ich halte kurz inne, bevor ich ihm eine Antwort gebe, erstaunt darüber, wie schnell sich mein Freund so schnell in die plötzliche Intimität unseres Gespräches hat einfinden können. Und da weiß ich, dass er genau die richtige Wahl ist für das, was mir auf dem Herzen liegt. „Ob ich Angst habe…? Nein, nicht mehr sehr. Ich habe eingesehen, dass ich es nicht aufhalten kann. Und ich habe mich damit abgefunden. Es ist in Ordnung.“ „Nunja, sich mit dem Tod abzufinden heißt nicht unbedingt auch, die Angst vor ihm zu verlieren, oder?“ Ich beginne langsam, zu nicken. „Genau deswegen wollte ich dich heute hier haben, Nicolai. Ich glaube, du bist einer der einzigen, mit denen ich über so etwas reden könnte. Natürlich sind da auch Sophie oder die Kinder, aber das ist wieder etwas ganz anderes. Ich brauche einen Freund, und du gehörst zu meinen besten.“ Er schenkt mir ein kleines Lächeln. „Erklär mir, worum es geht, Edmond. Ich werde versuchen, dir zu helfen, so gut ich kann.“
Ich denke kurz nach, wie ich das, was mich belastet, in Worte fassen kann, nur um festzustellen, dass es dafür eigentlich gar keine richtigen Worte gibt. „Es ist schwierig, Nicolai. Es ist schon richtig, was ich dir gesagt habe, auch wenn der Weg dorthin kein leichter war. Ich habe keine Angst, zu sterben; viel schlimmer als die letzten Wochen in Behandlung kann das gar nicht sein. Das, was mich quält, ist eigentlich etwas viel Schlimmeres, jedenfalls für mich persönlich, weil ich weiß, dass ich mich darum eigentlich nicht sorgen sollte.“ Ich werfe einen Blick nach draußen, um mich, bevor ich ihm mein Anliegen äußere, noch einmal zu fangen und zur Ruhe zu kommen. Über Nacht ist der Winter über das Land hereingezogen, seit gestern hat es nicht mehr aufgehört, zu schneien. Auch jetzt ziehen die vereinzelten Schneegestöber am Fenster vorbei. Die weißen Flocken tanzen mit dem Wind und fliegen gegen das Glas, und ich frage mich, ob ich auch bald so frei sein werde, wie sie.

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Dienstag

„Schach.“ „Vergiss es, so schnell kriegst du mich nicht. Das ist unser letztes Spiel, und ich habe nicht vor, es zu verlieren, Nicolai.“ „Wer sagt denn, dass es unser letztes ist, Edmond? Sei nicht so pessimistisch und guck lieber auf das Spielfeld. Ohne Dame stehen deine Chancen nicht mehr allzu gut.“ „Oh, wunderbar. Reib es mir doch noch mehr unter die Nase. Ich weiß, dass ich nicht aufgepasst habe. Na und? Du hast trotzdem keine Chance, mein Lieber.“ Ich mache meinen Zug, ein weiterer Sprung in unserem finalen Spiel. Wir kennen uns seit etlichen Jahren, als Nicolai damals neu auf unsere Schule kam. Und solange unsere Freundschaft schon währt, tut dies auch der Wettstreit auf dem Schachfeld.
Er war der erste, der Sophies Aufruf gefolgt ist, und nun liefern wir uns seit nunmehr zwei Stunden unseren vielleicht schwierigsten Schlagabtausch. Er ist ein letzter Wunsch, auf den Nicolai zuerst sogar verzichten wollte, und umso glücklicher bin ich nun über jeden Zug.
„Mir bleibt leider keine andere Wahl, Edmond. Weißt du, wie es zurzeit steht?“
Seine matten, braunen Augen sehen mich gütig an, während sich sein rechter Mudwinkel unter dem weißen Dreitagebart gequält nach oben verzieht. Dann dreht sich Nicolai zur Stuhllehne, über der sein dunkelgrüner Mantel hängt, und zieht ein kleines, schwarzes Notizbuch aus der Innentasche heraus. „Einen Augenblick, die Liste steht ganz hinten.“ Er rückt sich die kleine, rahmenlose Brille mit dem dünnen Gestell auf der Nase zurecht und beginnt, zu blättern. „Ah. Hier. Du führst. Überraschenderweise. Und zwar genau 1623 zu 1493, wenn du es genau wissen willst. Leider läuft mir so langsam die Zeit zum aufholen davon, und auch wenn du hier ans Bett gefesselt bist, heißt das noch lange nicht, dass ich auf meine Chance Verzichte und dich gewinnen lasse.“
„Nicolai?“ „Ja?“ „Ich danke dir für dieses Spiel.“ „Sag das nicht zu früh, es ist ja noch nicht zu Ende. Hast du mir nicht zugehört? Ich glaube nicht, dass du mir, wenn wir fertig sind, immer noch so dankbar sein wirst. Wieder Schach.“ Er zwinkert mir zu und bewegt einen Turm. „Und jetzt, Edmond, beantworte mir bitte eine Frage.“
„Die da wäre?“ „Warum bin ich heute hier?“ Ich halte kurz inne, überlege, was ich ihm sagen soll. „Was hat Sophie zu dir gesagt?“ „Sie hat mich gestern Mittag angerufen. Hat mir gesagt, dass vielleicht irgendetwas mit dir nicht in Ordnung wäre, und jetzt ein paar bekannte Gesichter brauchen würdest, die dich aufheitern. Und dass ich, wenn möglich, gleich heute Morgen schon zu dir kommen soll – was ich ja dann auch getan habe. Da war etwas in ihrer Stimme, das mir nicht gefallen hat. Sie hat so besorgt geklungen, so ernst… Tja, und nun sitze ich hier vor deinem Bett und spiele mit dir Schach.“ „Du hältst das Ganze also nur für ein paar Depressionen eines Kranken in der Therapie?“
„Das wäre wohl die einfachste Erklärung, denn die Ärzte sagen, deine Werte sind zwar noch nicht im grünen Bereich, aber durchaus noch stabil. Aber nein, ich muss dich enttäuschen. Ich glaube etwas anderes, Edmond, dafür kennen wir uns einfach schon zu lange. Ich denke, dass du schon immer sehr offen für solche… Gefühle oder Ahnungen warst, gerade was dich betrifft. Und wenn das diesmal wieder der Fall ist, dann befürchte ich das Schlimmste.“

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Wir sitzen noch dort bis spät in die Nacht, reden, scherzen, träumen. Es hat die ganze Zeit über geschneit. Die dicken, weißen Flocken sammeln sich auf dem Fenstersims und bilden eine Schicht, die von Minute zu Minute dicker wird und im Mondenschein glitzern und funkeln. Dann wird es für Sophie Zeit, zu gehen. Wir beide sind müde und erschöpft, und unsere Nerven haben heute viel durchgemacht. Sie verspricht mir, mich morgen Abend wieder zu besuchen, sobald sie mit allem fertig ist. Wir verabschieden uns, und als sie schon an der Tür ist, dreht sie sich noch ein letztes Mal um. „Ich hoffe, dass ich bis Mittwoch die Kinder erreichen kann. Ich weiß nicht, ob sie dir glauben werden, aber ich kriege sie schon irgendwie hierher.“ Ich schenke ihr ein Lächeln, doch jetzt, im Moment des Abschiedes, bleibt ihr Gesicht ernst und besonnen. „Pass gut auf dich auf, Edmond. Bitte.“ Dann ist sie verschwunden.

Ich schalte das Nachtlicht aus und lasse mich tief in mein Kissen sinken. Die Dunkelheit tut meinen müden Augen gut; die schweren Lider senken sich und meine Welt wird eins mit der Dunkelheit. Erst jetzt bemerke ich, wie gut die Ruhe meinem Körper tut. Anscheinend habe ich vergessen, wie sehr er sich inzwischen verändert hat, und dass ich nicht mehr Herr über dieselbe Kraft bin wie früher. Die Therapie hat ihn sehr viel gekostet, hat ihn altern lassen und ihn stark geschwächt. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis er seine Funktionen einstellt, um diesem hilflosen und gelähmten Zustand und der Welt aus Medikamenten und Schmerzen zu entkommen. Mir bleibt einzig die Möglichkeit, darauf zu warten; ein Gedanke, der mir meine Einsamkeit nur noch stärker bewusst macht. Und auch wenn ich gerade jetzt nach Gesellschaft suche und jeden neuen Augenblick mit einem lieben Menschen nur noch mehr zu schätzen weiß, bin und bleibe ich innerlich letztendlich doch immer alleine. Sie können auch nur mit mir fühlen, doch nicht so, wie ich es tue. Der letzte Weg ist schwer und dunkel, und ich habe seinen Anfang gerade erst betreten. Ich weiß nicht, was mich noch alles erwarten wird, während ich ihn beschreite, aber die Angst ist mein ständiger Begleiter – nicht jene vor dem Tod, sondern die Angst vor dem Sterben selbst.
Nun muss ich schlafen und mich regenerieren, denn ich habe noch so viel vor. Nach einer langen Zeit der Ungewissheit und des Bangens hat es heute endlich begonnen, und ich werde bereit sein, wenn es so weit ist. Also, schließen wir nun diesen Tag, und tun wir es wenigstens mit etwas Schönem. Ich bin ganz entspannt und lasse meine Gedanken schweifen. Und dann höre ich es, zuerst ganz leise und wie von weiter Ferne, und dann ganz nah. Meeresrauschen. Dann kann ich es sehen: Einen langen Streifen weißen Sand, und die blauen Wellen, die in ihn übergehen; einen warmen Sommertag und die weißen Möwen, die dem Horizont entgegenziehen. Ich fühle mich zu Hause, geborgen in den schönsten Zeiten meiner lange vergangenen Erinnerung; ich bin frei und unbeschwert, als könnte ich fliegen. Ich gehe am Wasser entlang, die Sonne ist mein ständiger Begleiter, ich fühle den warmen Sand unter meinen blanken Füßen. Und dann, dann sehe ich sie plötzlich vor mir.
Als ich jung war, da traf ich am Strand dieses wunderschöne Mädchen…

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Sie den ganzen Tag lang so traurig zu sehen, ist eine ganz neue Erfahrung für mich, an die ich mich einfach nicht gewöhnen kann. In all den Jahren unserer Ehe haben wir etwas Faszinierendes geschafft, das wir uns schon ganz am Anfang unserer Beziehung versprochen haben: Auch wenn wir gealtert und auch reifer geworden sind, sind wir innerlich doch immer das verliebte, optimistische und etwas alberne Pärchen geblieben, als das wir unseren Lebens- weg begonnen haben. Und es gab immer diese Situationen, in denen der eine von uns auch einmal sehr traurig war, doch wir gaben uns immer gegenseitig Halt und die Kraft, jede Not zu überstehen. Jetzt ist das alles anders. Ich betrachte meine Frau, wie sie dort in meinem Zimmer steht und versucht, sich ihre Tränen wegzuwischen, und ich weiß, dass nun nichts auf dieser Welt ihr mehr einen Halt geben kann. Mein Schicksal hat sie gebrochen, und ich muss stark sein, damit ich bei diesem Gedanken nicht verzweifle. Diesmal kann ich ihr nicht helfen. Ich kann ihr nicht sagen, wie ich mich gerade fühle, ich kann ihr nicht sagen, sie solle jetzt stark sein. Und ich kann sie verstehen. Wären unsere Rollen vertauscht, dann ginge es mir nicht anders, dann wäre ich gefangen in einer sterbenden Welt, so wie Sophie.
„Weißt du, Edmond, das Schlimmste an dieser ganzen Situation ist, dass ich dir glaube. Du bist kein Arzt, und genauso wenig kennst du dich mit Krebsdiagnosen aus. Und dann denkst du dir heute Morgen ganz plötzlich deine eigene aus und bist fest davon überzeugt, dass sie stimmt. Und obwohl eigentlich kein weiterer Grund zu der Annahme besteht, glaube ich, dass du weißt, was du fühlst und sagst. Und das ist das Problem.“ Sie setzt sich und rückt ihren Stuhl ganz nah an mein Bett. „Ich tue für dich, was immer du willst, vor allem, weil du es nicht selbst kannst. Und es ist auch in Ordnung für mich, deinen alten Freunden durch die halbe Welt hinterher zu recherchieren, aber jeden Tag, den ich damit verbringe, ist ein Tag, an dem ich nicht bei dir sein kann. Und bald, da bist du…weg, und ich bin alleine, und…“
Der Rest ihrer Worte geht in einem Schluchzen unter, und es ist auch nicht nötig, noch mehr zu sagen. Dann sitzen wir einfach nur für fünf Minuten da und halten uns einfach nur noch ganz fest im Arm. „Sophie?“ „Ja?“ „Versuch es bitte Morgen noch einmal. Nur Morgen. Dann können wir zusammen sein, so lange du willst. Aber es gibt da einfach einige Menschen, denen ich noch etwas sagen will. Persönlich. Denen ich…Unrecht getan habe. Wäre das für dich in Ordnung?“ Und endlich, nach einer so langen Stille, schenkt sie mir wieder einmal ein zartes Lächeln. „Natürlich ist es das. Ich versuche zu tun, was ich kann.“
Da lasse ich wieder meine Hand durch ihr Haar fahren, schmiege meinen Kopf an ihren und flüstere ihr ganz leise ins Ohr. „Hey, schöne Frau, hast du Lust auf einen romantischen Abend? Ich hab da heute einen Fotoordner gefunden, der dir nicht ganz unbekannt sein dürfte.“ Sophies Lächeln wird breiter. „Na wenn es nur das ist... Ich dachte schon, du alter Mann wolltest mir ein unmoralisches Angebot machen.“ „Sophie, wie könnte ich denn. Ich meine, sieh dich doch einmal an. Du warst auch schon mal attraktiver, als du noch nicht ausschließlich aus Falten bestanden hast.“ Dann können wir nicht länger anders und fangen beide an, schallend zu lachen, paradoxer Weise, hier an meinem Sterbebett. Und da weiß ich, dass sich eigentlich tief im Inneren zwischen uns zum Glück doch gar nichts verändert hat.

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Etwas ist mit mir passiert. Ich lehne mich in die dicken Kissen hinter meinem Rücken zurück, schließe die Augen, versuche, mich etwas auszuruhen. Ich brauche Ruhe, es ist Zeit zum nachdenken. Um mich herum ist es jetzt ganz still; jedenfalls kommt es mir so vor, und doch fühle ich mich nicht mehr unwohl, sondern eher auf eine seltsame Weise beruhigt. Ich lasse meine Gedanken schweifen, reflektiere noch einmal das Gesehene der letzten paar Stunden. Dann, ganz langsam, denke ich die Geschichte weiter und verknüpfe all diese Bilder mit meinem weiteren Leben und der Entstehung unserer Familie.
Da muss ich plötzlich grinsen, denn mit einem Mal wird mir auf einmal klar, wie reich doch mein Leben war. Für manche werde ich nie etwas Besonderes gewesen sein, viele, die ich kannte, werden nicht mehr an mich denken und einige mich sogar vergessen haben, doch für mich hatte ich alles, was ich mir je hätte wünschen können. Es gab immer jene Höhen und Tiefen, doch im Grunde genommen war ich tief in mir immer glücklich.
Und da, im Angesicht meines Todes, da weicht plötzlich alle Furcht von mir; meine Trauer, meine Zweifel, meine tiefsten Ängste weichen dem Gefühl einer innigen und vollkommenen Dankbarkeit in meinem Herzen. Der volle Mond wirft von draußen seine Muster auf den Boden vor meinem Fenster. Voller Ehrfurcht über diese seltsame Wandlung blicke ich hinaus in den bewölkten Himmel, hypnotisiert von seinem matten, blassen Schein. Ich fühle mich wie erfüllt von einem tiefen Gefühl inneren Friedens. Ich stelle mir vor, wie schön es doch wäre, wenn er ewig währen würde, und da weiß ich, dass ich nun endlich bereit bin.

Als Sophie zurückkommt, bin ich eingeschlafen. Sie weckt mich so, wie sie es immer schon tat; mit einem leichten Kuss auf meiner Stirn, ein paar Zentimeter über meiner linken Augenbraue. Sie hat das Nachtlicht neben meinem Bett eingeschaltet und hat ihren Schal und den Mantel noch nicht abgelegt. „Ich bin wieder da.“
„Wie ist es gelaufen?“ frage ich sie. „Hat alles funktioniert?“ Sophie stößt ein leises Seufzen aus und klopft sich ein paar Schneeflocken von den Schultern. Sie sieht erschöpft aus, und es scheint, als fällt es ihr schwer, mir zu antworten. „Ich habe versucht, so viele wie möglich zu erreichen. Bei unseren Bekannten und denen, die hier in der Nähe geblieben sind, war das kein Problem; auch wenn sich die meisten denken, dass deine Ahnung völlig unbegründet ist. Ich habe ihnen gesagt, wie wichtig es dir ist, dass sie dich bald einmal besuchen kommen. Schwieriger war es bei den anderen, die du mir aufgeschrieben hast. Die haben sich nämlich in so ziemlich alle Himmelsrichtungen zerstreut, und von denen, deren Adressen ich gefunden habe, konnte ich den größten Teil nicht erreichen.“ Sie zieht den kleinen Zettel aus ihrer Manteltasche, mit dem ich sie heute Morgen losgeschickt habe, und gibt ihn mir. Auf ihm steht eine Liste an Namen, einige davon sind von Sophie mit einem Haken versehen worden.
„Vielen Dank. Du weißt, wie viel es mir bedeutet, sie alle noch einmal zu sehen. Aber trotzdem bitte ich dich: Gib nicht auf. Versuche es weiter, solange du kannst. Du bist jetzt mein Auge und mein Ohr, wo ich an dieses Bett gefesselt bin. Hilf mir, zu tun, was ich nicht mehr kann, Sophie.“ Sie schweigt und sieht mich mit hilflos blickenden Augen an. „Edmond, ich will dir ja helfen, so gut ich kann, aber…“ Dann beginnt sie wieder zu weinen.

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Während der Computer hochfährt, öffne ich die Kiste und nehme eine kleine, schwarze CD – Tasche heraus. Jede der Scheiben ist ein eigenes, besonderes Fotoalbum mit hunderten von Bildern. Nun eröffnen sie mir seit langem wieder die Einblicke in die Zeit ab meinem dreizehnten oder vierzehnten Lebensjahr. Ich war ein Neunundachtziger Jahrgang, habe damals den Umbruch von gedruckten Fotos auf digitale erlebt, und all die Momente meiner jüngsten Kindheit sind noch in den „alten“ Bilderalben des letzten Jahrhunderts verewigt, die mit dem Anbruch eines neuen Jahrtausends und dem Aufstieg und Sieg der Technik fast vollständig aus unser aller Alltag verschwanden. Sophie bestand immer darauf, diese Tradition am Leben zu erhalten und regelmäßig Fotos der Familie auszudrucken, und so befindet sich bis heute ungewöhnlicherweise doch eine beträchtliche Sammlung jener großen Bücher in unserem Regal. Die Alben ihrer und meiner Kindheit leisten ihnen Gesellschaft, somit ist diese Zeitspanne meiner Jugend die einzige wirkliche Lücke in der Chronik – eine Lücke, auf die ich nun schon seit dem Ende meiner Studienzeit nicht mehr sah.
Jetzt tut es gut, diese Leere endlich wieder auszugleichen. Und als ich mir den PC auf die Knie, auf die weiße Krankenhausdecke stelle und mich mit meinem alten Passwort einlogge, da ist plötzlich alles wieder da. Nach all der langen Zeit ist das Betriebssystem längst veraltet, aber ich finde mich noch so gut zurecht wie damals. Mit einem Schlag sind sie wieder da, all die Erinnerungen von damals, und das Stöbern durch meine alten Dateien ist wie eine Zeitreise, die mich für einen Moment verjüngt, mich in ihren Bann zieht und mir all meine Sorgen nimmt. Jedes Foto, das ich sehe, ruft mir den dazu gehörenden Moment vor Augen; es ist, als ob ich Jugend zwar in rasender Geschwindigkeit, aber dennoch mit all ihren kleinen Details noch einmal erleben darf. Ein Rausch innerer Freude überwältigt mich, wie ich nie für möglich gehalten hätte; dann halte ich inne, aufgeweckt durch einen ganz plötzlichen, impulsiven Einfall, um ein weiteres Mal hinein in die Kiste zu greifen. Schnell finde ich, was ich suche: meinen alten Mp3 – Player, und auf ihm die grandiose Fülle all meiner Lieblingsbands von damals. Auch wenn ich vielen von ihnen bis heute treu geblieben bin und es sich daher mit den Songs doch anders verhält als mit den Bildern, die ich seit Jahren nicht gesehen habe, erscheint er mir wie eine Reliquie aus Vergangenen Tagen. Erleichterung macht sich in mir breit, als ich feststelle, dass auch er noch funktioniert, und die Musik zieht mich voll und ganz in ihren Bann, während auf dem Bildschirm vor meiner Brust die Gesichter meiner Freunde vorüberziehen. Und dann, ganz zum Schluss, es muss schon eine Ewigkeit vergangen sein, bleibt nur noch eine CD mit einem einzigen Fotoordner übrig.
Er enthält die ersten Fotos von Sophie und mir, die ersten, zarten Momente unserer Liebe und unseres gemeinsamen Lebens, in der Blüte unserer Jugend. Da wird es auf einmal ganz warm in meiner Brust; ein nun fast schon fremdes Gefühl, das ich, wie mir scheint, seit dem Ausbruch meiner Krankheit und dem Beginn der Therapie nicht mehr erleben durfte.
Dann ist alles vorbei: Die Musik geht aus und ich bin bei den letzten Bildern angelangt. Ich schalte den Mp3 –Player aus, klappe den Computer zu, und sitze wieder in meinem Zimmer –allein. Inzwischen ist es wieder dunkel draußen und hat leicht angefangen, zu schneien. Es muss erst gegen fünf Uhr sein, doch im Winter ist die frühe Dunkelheit nichts Ungewöhnliches.

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Sie will mir keinen Mut machen, dafür ist es längst zu spät. Es ist ihre Art zu fragen, ob ich es auch wirklich ernst meine; ob ich mir über mein Schicksal wirklich sicher bin. Ich hebe meine zitternde Hand, streiche ihr durch ihr immer noch lockiges Haar. Endlich treffen sich unsere Blicke wieder, und das Blau meiner müden Augen vertieft sich in das der ihren, genau wie früher. Wir sehen uns lange und schweigend an, und dann schüttele ich den Kopf, ganz langsam, und sie versteht, dass niemand es mehr aufhalten kann. „Sophie, es tut mir so leid.“
Sie umarmt mich, küsst mich auf die Wange, legt ihren Kopf auf meine Brust. Und ich, ich halte sie ganz fest, die Liebe meines Lebens, und frage mich, wie lange das Herz noch schlagen wird, dessen Pochen sie gerade hört.

Zwei Stunden später ist sie fort, um das zu tun, worum ich sie gebeten habe. Ich erhebe keine großen Ansprüche mehr, dazu habe ich gar kein Recht. Das ist der Preis, wenn man erkannt hat, dass zu sterben etwas ganz natürliches ist und tagtäglich vielen tausenden Menschen passiert: Man beginnt, sich mit dem Unvermeidbaren abzufinden. Ich glaube, jeder Mensch reagiert auf diesen Moment, an dem kein Schicksal vorbeiführt, anders. Einige werden zornig, manche verfallen in Depressionen, und wieder andere stumpfen einfach ab, verweigern sich jedem Gefühl und warten trostlos darauf, auf ewig zu schlafen. Und ich, ich empfinde so viel, dass es mich fast schon lähmt. Mir gehen tausend Dinge durch den Kopf, die es noch zu erledigen gibt. Es gibt so viele Menschen, denen ich noch etwas sagen möchte, so viele Angelegenheiten, die es noch zu erledigen gibt. Und diese leise Stimme irgendwo in meinem Hinterkopf, die mir sagt, dass das alles nur einer menschlichen Urangst, nämlich dem verzweifelten Versuch gilt, nicht vergessen zu werden.
Ich muss mich ablenken, um sie zum schweigen zu bringen. Für Selbstmitleid ist keine Zeit.
Bis zu Sophie gilt nun meine ganze Aufmerksamkeit den Habseligkeiten, um die ich sie vor vielen Stunden am Telefon gebeten habe. Sie stehen auf dem grauen Boden neben meinem Bett; eine dunkelbraune Holzkiste von der Größe eines Schuhkartons und ein kleiner, lederner Aktenkoffer. In ihnen Ruhen die Grundfesten meines frühen Lebens: Eine Sammlung an persönlichen Gegenständen aus meiner Jugend, und in dem Koffer mein altes Notebook. Dinge, die nun schon seit fast sechzig Jahren in meinem Besitz sind, und die seit dutzenden von Jahren ihren Platz auf dem Dachboden nicht mehr verlassen haben.
Als wir damals nach unserer Hochzeit in unser erstes, gemeinsames Haus gezogen sind, hatten wir zuerst einen Raum, in dem wir für all unsere alten Erinnerungen Platz hatten, bevor sie, genau wie unsere Leben, zusammenflossen. Dann kamen die Kinder zur Welt und der Platz wurde eng; nicht zu eng, aber wir mussten umbauen, und unser altes Hab und Gut zog in den Schrank unter dem Dach.
Wir begannen unser eigenes, gemeinsames, neues Leben, ganz von vorn, eine frisch gebackene Familie mit ihren eigenen Fotoalben und Erinnerungen. Und in den vielen Jahren meines Lebens nahm ich mir immer wieder vor, auch diese ersten Kapitel meiner Existenz einmal wieder aufleben zu lassen, mich an die schönen, vergangenen Zeiten zu erinnern, als ich noch ein unbeschwerter Träumer war und auf der Suche nach meinem Weg.

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Keine drei Stunden später steht sie vor mir, das schönste Mädchen auf der ganzen Welt. Vor mir, in meinem Zimmer, und ich weiß, es ist kein Traum. Sophie sieht mich an, blickt mir genau in die Augen, blickt in mich hinein, mitten in meine Seele. Ich kann es kaum ertragen, sie anzuschauen. In ihrem Gesicht mischt sich all ihre Liebe mit dem Schmerz, den ich ihr bereite. Es bricht mir das Herz, sie so zu sehen, wie sie da vor meinem Bett steht und leise weint. Es ist 8 Uhr am Morgen; etwa eine halbe Stunde, nachdem ich sie angerufen habe. Sie ist sofort gekommen und sie hat alles dabei.
Unser Schweigen zieht sich in unendliche Längen. Seit Sophie hier ist, haben wir noch kein Wort gewechselt. Wozu auch? Wir kennen uns seit einer Ewigkeit, und noch über diese hinaus. Schon als ich sie das erste Mal sah, hatte ich das Gefühl, sie schon immer zu kennen, selbst vor dem Anbeginn meiner eigenen Existenz. Und heute, jetzt, sind wir lange über jegliche verbale Kommunikation erhaben. In dieser Stille, zwischen den drückenden Wänden dieses Krankenhauszimmers, offenbaren wir uns mehr, als Worte jemals sagen können.

„Ich habe gewusst, was los ist, als du nach der Kiste gefragt hast.“ Sie sitzt auf dem Stuhl neben meinem Bett und hält meine Hand. „Hast du sie gleich gefunden?“ Meine Frage ist eine Belanglosigkeit, doch wir beide wissen, wohin uns dieses Gespräch führen wird. Jeder von uns wusste, dass es früher oder später einmal so kommen würde, und doch zögern wir nun, versuchen, den längst verlorenen Frieden noch so lange wie möglich zu bewahren. Es ist wie ein Spiel, das keiner gewinnen kann, doch das ist der noch letzte Stützpfosten unserer einst so heilen Welt. „Wie könnte ich vergessen, wo sie war. Wir haben sie doch zusammen in den Schrank auf den Dachboden gestellt, direkt neben die alten Fotoalben. Erinnerst du dich nicht mehr an den Tag? Du hast mir diese dicke Spinne auf die Schulter gesetzt, und ich habe das ganze haus zusammengeschrien und hätte dir beinah den Kopf abgerissen.“
Wir müssen grinsen, und sie hat es wieder einmal geschafft, alles Glück der Welt für mich in einem einzelnen Moment einzufangen.
„Das weißt du noch? Das ist mindestens dreißig Jahre her…!“
„Edmond, so etwas vergesse ich doch nicht! Das war einer der wenigen Momente in meinem Leben, in denen ich dich fast umgebracht hätte!“
Und plötzlich wird es wieder still, als wir beide feststellen, dass uns am Ende doch die Realität eingeholt hat. Sophie sieht mich an, aus ihren Augen brechen neue Tränen hervor. Es ist eine Qual, die Frau meiner Träume nach über fünfzig Jahren Ehe so zu sehen, zu wissen, dass ich der Grund dafür bin. Da sehe ich ein, dass ich eigentlich nur noch will dass es vorbei ist. Ich will ihr sagen, was sie eigentlich schon weiß, wie, um es zu besiegeln und uns endlich wenigstens von dieser Last zu befreien.

„Sophie, ich habe nicht mehr viel Zeit. Ich kann es spüren, weißt du, tief in mir drin.“
„Sag so etwas nicht, bitte.“ Sie blickt nach unten, streicht sich mit der Handfläche die Tränen von den Wangen, atmet tief durch. „Das ist sicher nur die Chemo. Weißt du noch, wie schlimm es nach der ersten war? Jetzt ist dein Körper noch mehr geschwächt, und das ist auch ganz normal. Denk daran, was die Ärzte sagen, du hast immer noch eine Chance. Du musst einfach nur durchhalten, Liebling, gib bitte nicht auf.“

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Kapitel 1 – The End


Montag

Alles hat einmal ein Ende. Das ist mir seit heute klar. Sind Sie schon einmal aufgewacht und waren sich einer Sache vollkommen bewusst, ohne zu wissen, wieso? So, als hätten Sie vielleicht von etwas geträumt, an das Sie sich nicht mehr erinnern können, aber noch die Botschaft im Kopf haben, die Ihnen ihr Traum vermitteln wollte?
Ich sterbe. Es ist kein schöner oder schneller Tod. Er zieht sich schon seit vielen Wochen dahin und hält mich fest in seinem Bann.
Mein Name ist Edmond, ich bin fünfundsiebzig Jahre alt und ich habe Krebs. In meinem Zimmer ist es noch dunkel, man hört nur draußen vor der Tür die vereinzelten Schritte der ersten Ärzte, die gerade zu ihrer neuen Schicht erscheinen. Für sie hat gerade ein ganz normaler Tag begonnen, und das ist es vielleicht für die ganze Welt, ein ganz normaler Tag. Nur nicht für mich. Ich kann es fühlen, tief in meinem Inneren. Es ist jenes Gefühl, auf welches ich schon lange warte, es irgendwo ersehnt habe, und gleichzeitig das Gefühl, vor dem sich jeder Mensch am meisten fürchtet. Ich fühle, dass es bald vorbei sein wird. Mein Kampf geht zu Ende, der Kampf eines alten Mannes gegen die Leukämie. Meine einst so große und weite Welt beschräkt sich nun schon seit Wochen auf diesen kleinen Raum. Auf das Krankenhausbett mit dem weißen Bezug und dem weißen Laken. Den Fernseher an der Wand, den kleinen Nachttisch. Das Fenster und den anbrechenden Winter hinter seinem Glas. Es ist schwer, einzusehen, dass die Welt da draußen auch ohne Einen funktioniert. Dass die Zeit weiterläuft, egal ob man sie zu nutzen weiß oder nicht. Und wenn es dann im Kopf klick macht und man endlich eingesehen hat, dass man sich dieser Wahrheit früher oder später stellen muss und sie nicht ändern kann, dann ist die Welt ein ganzes Stück dunkler geworden.
Für mich spielt das alles bald keine Rolle mehr. Mein Körper gibt auf, auch wenn er sich damit Zeit lässt, genau wie diese verdammte Krankheit. Alles geht so langsam, und am Ende muss man sich eingestehen, dass alles Hoffen umsonst war und man eigentlich nie eine Chance hatte. Ich habe mich lange gegen den schleichenden Tod gewährt, aber in meinem Alter geht nach der zweiten Chemotherapie auch dem stärksten Organismus einmal die Kraft aus. Jetzt weiß ich, dass ich die dritte erst gar nicht mehr erleben werde.
Es ist seltsam, dass dir so etwas von einem auf den anderen Tag schlagartig bewusst werden kann.
Wie lange werde ich noch haben? Fünf Tage? Vielleicht zehn? Ich kann es noch nicht sagen, ich spüre nur, dass es bald enden wird. Das Ende der Schmerzen, der Medikamente, der Isolation. Das Ende meines Lebens und von allem, was ich liebe.
Ich sollte mich ausruhen. Am fernen Winterhimmel stehen noch die Sterne am dunklen Himmel, und ihr Licht vermischt sich mit dem der Straßenlaternen auf dem glatten Fensterglas. Ich muss schlafen, die letzten Kräfte sammeln, die ich noch habe. Es gibt noch viel zu tun, noch so viel zu sagen, bevor ich nie wieder ein Wort sprechen kann. Eine einzelne Träne rollt mir über die Wange und sickert in den dicken Stoff meines Kissens. So long and goodnight, so long and goodnight.