Ich atme innerlich auf, erleichtert, dass ich ihn richtig eingeschätzt habe und dass er mich versteht. Damals, als wir uns kennen lernten, war er schon immer ein sehr ernster, junger Mann, auch wenn er sich selbst wohl anders wahrgenommen hat. Die anderen machten sich deswegen immer etwas lustig über ihn – er sprach sehr bedacht und war immer bemüht, sich höflich und gewählt auszudrücken – aber für mich war er mit seiner gelassenen Art immer ein Pol der Ruhe, was ich in unserer Freundschaft stets zu schätzen wusste.
„Ich sage dir, warum du hier bist, Nicolai. Und ich glaube, auf der ganzen Welt wärst du eine der wenigen Personen, die das auch wirklich verstehen. Es ist gut, dass du so schnell gekommen bist. In diesem Moment versucht Sophie gerade, noch ein paar andere Menschen für mich zu erreichen, und ich weiß nicht, wann sie hier eintreffen werden. Denn leider ist es so, dass die meisten Leute, die ich gern noch einmal sehen würde, inzwischen quer durch das Land und die ganze Welt verteilt sind, und ich zu den meisten jahrelang keinen Kontakt mehr hatte. Die nächsten Tage werden für mich also ziemlich chaotisch, da bin ich froh, wenn ich mit dir noch einmal ganz in Ruhe reden kann.“
Nicolai beugt sich leicht nach vorn zu meinem Bett und sieht mich eindringlich an. Er atmet tief durch. „Edmond?“ „Ja?“ „Hast du Angst?“ Ich halte kurz inne, bevor ich ihm eine Antwort gebe, erstaunt darüber, wie schnell sich mein Freund so schnell in die plötzliche Intimität unseres Gespräches hat einfinden können. Und da weiß ich, dass er genau die richtige Wahl ist für das, was mir auf dem Herzen liegt. „Ob ich Angst habe…? Nein, nicht mehr sehr. Ich habe eingesehen, dass ich es nicht aufhalten kann. Und ich habe mich damit abgefunden. Es ist in Ordnung.“ „Nunja, sich mit dem Tod abzufinden heißt nicht unbedingt auch, die Angst vor ihm zu verlieren, oder?“ Ich beginne langsam, zu nicken. „Genau deswegen wollte ich dich heute hier haben, Nicolai. Ich glaube, du bist einer der einzigen, mit denen ich über so etwas reden könnte. Natürlich sind da auch Sophie oder die Kinder, aber das ist wieder etwas ganz anderes. Ich brauche einen Freund, und du gehörst zu meinen besten.“ Er schenkt mir ein kleines Lächeln. „Erklär mir, worum es geht, Edmond. Ich werde versuchen, dir zu helfen, so gut ich kann.“
Ich denke kurz nach, wie ich das, was mich belastet, in Worte fassen kann, nur um festzustellen, dass es dafür eigentlich gar keine richtigen Worte gibt. „Es ist schwierig, Nicolai. Es ist schon richtig, was ich dir gesagt habe, auch wenn der Weg dorthin kein leichter war. Ich habe keine Angst, zu sterben; viel schlimmer als die letzten Wochen in Behandlung kann das gar nicht sein. Das, was mich quält, ist eigentlich etwas viel Schlimmeres, jedenfalls für mich persönlich, weil ich weiß, dass ich mich darum eigentlich nicht sorgen sollte.“ Ich werfe einen Blick nach draußen, um mich, bevor ich ihm mein Anliegen äußere, noch einmal zu fangen und zur Ruhe zu kommen. Über Nacht ist der Winter über das Land hereingezogen, seit gestern hat es nicht mehr aufgehört, zu schneien. Auch jetzt ziehen die vereinzelten Schneegestöber am Fenster vorbei. Die weißen Flocken tanzen mit dem Wind und fliegen gegen das Glas, und ich frage mich, ob ich auch bald so frei sein werde, wie sie.
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