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Erst jetzt wird mir das Ausmaß unseres Treffens bewusst. Erst jetzt beginne ich zu verstehen, dass ich Nicolai niemals wieder sehen werde, dass wir zwar in Freundschaft auseinandergegangen sind, aber dieser Abschied dennoch für immer währt. Ich fange endlich an, das Wesentliche zu begreifen – dass mein Leid gerade erst begonnen hat, und dass noch viele Verluste wie dieser folgen werden. Er ist nicht nur aus dem Raum herausgetreten, sondern aus meinem Leben, und mit ihm löst sich ein Stück von mir selbst in Nichts auf. Und so wird es weitergehen, Tag für Tag, bis nichts mehr von mir übrig bleibt. So sterben mein Körper und meine Seele dann doch noch gemeinsam – ist das die Botschaft, die unser letztes Gespräch geboren hat? Alles fällt in sich zusammen und stürzt in Vergessenheit, wenn seine Zeit gekommen ist, bis sich selbst die Grundfesten der Erde im Schatten verlieren und vergehen.

Die neuen Gefühle beherrschen meinen Geist, als hätten sie sich um die tiefsten Wurzeln meines Herzens geschlungen. Jeder Gedanke, jeder Atemzug kündet von dem bevorstehenden Verlust meines Lebens, meiner Welt, meiner Liebe. Nichts kann mir Trost spenden, weder Sophie, noch die Kunde, die sie mit sich bringt. Viele werden kommen, Bekannte, Freunde, Verwandte. Die Kinder. Doch nun ist alles vergebens, was mich freuen sollte, vergrößert meinen Schmerz, nun, da ich von dem bitteren Geschmack des letzten Abschieds gekostet habe. Sie sitzt noch lange bei mir, doch sie bemerkt, dass ich verändert bin. Ich glaube, es macht ihr Angst, aber sie fragt nicht und äußert auch keine Klage, obwohl ich in Gedanken weit entfernt von ihr bin. Heute sind keine Scherze angebracht, kein Schwelgen in Erinnerung und kein Genießen unserer letzten gemeinsamen Stunden. Unsere sonstige Einheit beschränkt sich auf das physische Beisammensein, doch im Weiteren kann sie mich nicht erreichen.
Schließlich schicke ich sie nach Hause, adieu, Sophie, und sage ihr, dass ich nun schlafen will und einen großen Tag vor mir habe. Ich will mir nicht vorstellen, was sie dabei denkt, dass sie dabei wahrscheinlich selbst so viel weiß, dass es ihr den Schlaf rauben wird; ich möchte nur allein sein und versuchen, mit all dem selbst fertig zu werden. Worin findet das Leben seinen Zweck, wenn am Ende jedes Dasein doch nur im Tod mündet und zu Staub zerfällt? Was hat mir die kurze Zeit gebracht, die ich auf dieser Erde verweilen durfte, wenn meine Existenz wieder ins Nichts zurückkehrt und zerfällt, und es jedem Einzelnen von uns so gehen wird? Schließlich gehen wir alle zugrunde, und die Welt wird uns überdauern, bis auch ihre Zeit gekommen ist. Es gibt nichts Ewiges, nichts Unendliches, an dem wir uns festhalten können, außer vielleicht unserer Hoffnung, die sich in was manifestiert – in Gott? In der Idee eines Gottes?
Und plötzlich wird es in meinem Kopf ganz still, als mein Herz gerade beginnt, das Ausmaß meiner Gedanken zu verstehen – dass ich jetzt, so kurz vor dem Tod, meinen Glauben verloren habe und zur Vernunft gekommen bin. In mir fühle ich, dass mit einem Schlag mein Leben wieder ein Stück dunkler geworden ist – und doch ist eine große Last von meinen Schultern verschwunden.

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