Sie will mir keinen Mut machen, dafür ist es längst zu spät. Es ist ihre Art zu fragen, ob ich es auch wirklich ernst meine; ob ich mir über mein Schicksal wirklich sicher bin. Ich hebe meine zitternde Hand, streiche ihr durch ihr immer noch lockiges Haar. Endlich treffen sich unsere Blicke wieder, und das Blau meiner müden Augen vertieft sich in das der ihren, genau wie früher. Wir sehen uns lange und schweigend an, und dann schüttele ich den Kopf, ganz langsam, und sie versteht, dass niemand es mehr aufhalten kann. „Sophie, es tut mir so leid.“
Sie umarmt mich, küsst mich auf die Wange, legt ihren Kopf auf meine Brust. Und ich, ich halte sie ganz fest, die Liebe meines Lebens, und frage mich, wie lange das Herz noch schlagen wird, dessen Pochen sie gerade hört.
Zwei Stunden später ist sie fort, um das zu tun, worum ich sie gebeten habe. Ich erhebe keine großen Ansprüche mehr, dazu habe ich gar kein Recht. Das ist der Preis, wenn man erkannt hat, dass zu sterben etwas ganz natürliches ist und tagtäglich vielen tausenden Menschen passiert: Man beginnt, sich mit dem Unvermeidbaren abzufinden. Ich glaube, jeder Mensch reagiert auf diesen Moment, an dem kein Schicksal vorbeiführt, anders. Einige werden zornig, manche verfallen in Depressionen, und wieder andere stumpfen einfach ab, verweigern sich jedem Gefühl und warten trostlos darauf, auf ewig zu schlafen. Und ich, ich empfinde so viel, dass es mich fast schon lähmt. Mir gehen tausend Dinge durch den Kopf, die es noch zu erledigen gibt. Es gibt so viele Menschen, denen ich noch etwas sagen möchte, so viele Angelegenheiten, die es noch zu erledigen gibt. Und diese leise Stimme irgendwo in meinem Hinterkopf, die mir sagt, dass das alles nur einer menschlichen Urangst, nämlich dem verzweifelten Versuch gilt, nicht vergessen zu werden.
Ich muss mich ablenken, um sie zum schweigen zu bringen. Für Selbstmitleid ist keine Zeit.
Bis zu Sophie gilt nun meine ganze Aufmerksamkeit den Habseligkeiten, um die ich sie vor vielen Stunden am Telefon gebeten habe. Sie stehen auf dem grauen Boden neben meinem Bett; eine dunkelbraune Holzkiste von der Größe eines Schuhkartons und ein kleiner, lederner Aktenkoffer. In ihnen Ruhen die Grundfesten meines frühen Lebens: Eine Sammlung an persönlichen Gegenständen aus meiner Jugend, und in dem Koffer mein altes Notebook. Dinge, die nun schon seit fast sechzig Jahren in meinem Besitz sind, und die seit dutzenden von Jahren ihren Platz auf dem Dachboden nicht mehr verlassen haben.
Als wir damals nach unserer Hochzeit in unser erstes, gemeinsames Haus gezogen sind, hatten wir zuerst einen Raum, in dem wir für all unsere alten Erinnerungen Platz hatten, bevor sie, genau wie unsere Leben, zusammenflossen. Dann kamen die Kinder zur Welt und der Platz wurde eng; nicht zu eng, aber wir mussten umbauen, und unser altes Hab und Gut zog in den Schrank unter dem Dach.
Wir begannen unser eigenes, gemeinsames, neues Leben, ganz von vorn, eine frisch gebackene Familie mit ihren eigenen Fotoalben und Erinnerungen. Und in den vielen Jahren meines Lebens nahm ich mir immer wieder vor, auch diese ersten Kapitel meiner Existenz einmal wieder aufleben zu lassen, mich an die schönen, vergangenen Zeiten zu erinnern, als ich noch ein unbeschwerter Träumer war und auf der Suche nach meinem Weg.
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