Seite 10
Dann entschließe ich, es endlich hinter mich zu bringen. „Weißt du, Nicolai, eigentlich ist es ganz einfach. Und das ist ja das Schreckliche daran.“ Ich schenke mir ein Glas Wasser aus der Flasche ein, die auf meinem Nachttisch steht. Obwohl es nur Raumtemperatur hat, erfrischt es meinen müden Körper wie Ambrosia. Ich genieße noch für einen kurzen Augenblick den frischen, lebendigen Geschmack in meinem Mund, dann fahre ich zögerlich und schweren Herzens fort. „Ich vermute, dass ich nicht mehr allzu lange zu leben habe. Dieser Gedanke ist mittlerweile für mich ein Faktum geworden, das nicht mehr von meinen Gedanken und Handlungen abgrenzbar ist; er ist inzwischen einfach ein Teil meiner Welt geworden. Aber da gibt es eine Frage tief in meinem Herzen, die mich immerzu beschäftigt und mich nachts nicht mehr ruhig schlafen lässt. Wir reden hier von dem Problem, mit dem sich jeder Sterbende unumgänglich konfrontiert sieht, wenn es auf das Ende zugeht.“ Nicolais kluge Augen mustern mich unnachgiebig. Dann hat er verstanden und antwortet mir. „Es geht dir um die Frage, ob es danach noch weiter geht, nicht wahr?“ Ich beginne, langsam und mit schwerem Herzen zu nicken, bevor ich weiter rede. „Nicolai, du weißt, ich war mein ganzes Leben lang ein überzeugter Christ, auch wenn ich mir niemals etwas aus der Kirche und deren ganzen Dogmen gemacht habe. Ich hatte immer meine ganz eigene Auffassung von Religion oder einer Gottesvorstellung, aber ich war immer überzeugt davon, dass da ein Gott ist, der uns liebt, und habe immer fest an ein Leben nach dem Tod geglaubt. Aber jetzt, wo mir nur noch so wenig Zeit bleibt, da ist dieses beruhigende und sichere Gefühl, das da immer in meinem Unterbewusstsein war, plötzlich…weg. Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Vielleicht machen mich diese ganze Therapie und die Medikamente auch einfach mürbe, aber es ist, als ob dort in meinem Gehirn – und auch in meinem Herzen – an der Stelle, die vorher jegliche Gedanken und Gefühle von Religion beherbergt hat, nun einfach eine große Leere ist. Und davor habe ich Angst. Das alles war vorher immer ein großer und wichtiger Bestandteil meines Lebens, und nun ist dort einfach eine Lücke, die mir den Boden unter den Füßen wegreißt.“ Ich hole kurz Luft, trinke noch einen Schluck, versuche, mich etwas zu sammeln. Dann fahre ich fort. „Als ich erfahren habe, dass ich krank bin, war das für uns alle ein Schock. Wir wussten, dass für Patienten in meinem Alter die Chancen auf Heilung nicht mehr allzu gut stehen. Und eigentlich war ich seit dem ersten Moment dieses Bewusstseins auf meinen Tod eingestellt, auch wenn ich ihn noch in weiter Ferne sah. Aber trotzdem war es irgendwie in Ordnung für mich, irgendwann einmal zu sterben. Ich war nie jemand von denen, die ihre eigene Auseinandersetzung mit diesem Thema so lange herauszögern wie möglich; das war zum Beispiel etwas, über das ich mit Sophie auch schon in den ersten Jahren unserer Beziehung oft sprechen konnte – einfach, weil wir jung waren und uns das Thema interessiert hat. Wir beide hatten schon damals kein Problem mit dem Gedanken an den Tod, weil wir beide fest daran geglaubt haben, dass das, was uns eigentlich ausmacht, unsere Charakter, unsere…Seelen nach unserem Ableben noch weiter existieren. Dass sie an einen Ort kommen, an dem etwas Gutes herrscht, und dass sie sich dort wiederfinden. Aber all das ist für mich jetzt nicht mehr da, und ein Gefühl sagt mir, dass mein Unterbewusstsein endlich die Realität eingesehen hat.“
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen