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„Ich fürchte, nun müsst ihr auch bald gehen“, sage ich, „aber ich glaube, ich hab da vorher noch eine Überraschung für euch.“ „Das hast du früher immer gesagt, bevor du uns zum Zahnarzt geschleppt hast“ entgegnet Kara mit einem Zwinkern. „Und du immer, wenn du wieder eine Fünf angeschleppt hast“ antworte ich, und wir alle müssen lachen. „Nein, Kara, diesmal ist es eine schöne Überraschung. Würdest du mir mein Notebook geben? Es befindet sich neben dem Bett, in einer Tasche auf dem Boden. Ich habe gestern noch ein paar alte Dateien durchforstet und dabei etwas ganz Besonderes gefunden. Da war ein ganzer Ordner voll Videoaufnahmen, die ich, bevor ich ins Krankenhaus kam, zu Hause schon seit Ewigkeiten gesucht habe. Er ging wohl irgendwie auf einer meiner externen Festplatten verloren und ist mir nun wieder begegnet.“ Wir rücken zusammen und kauern uns in einem kleinen Kreis um den aufgeklappten Bildschirm auf meinen Knien, während ich eine der Aufnahmen starte. Es ist der Mitschnitt eines Weihnachtsfestes vor vielen Jahren, als die Kinder noch klein waren. Kara muss gerade drei Jahre alt gewesen sein und Jake dann zwölf; er bläst gerade die ersten, schiefen Töne in die silberne Mundharmonika, die er bekommen hat, während Kara auf einem hölzernen, altmodischen Schaukelpferd vor dem prachtvoll geschmückten Baum auf- und abwippt und sich vor Übermut kaum noch einkriegen kann. Es ist eines der großen Feste, die unsere Familie früher stets in großem Kreis zusammen gefeiert hat; auf dem Sofa sitzen meine beiden Schwestern und mein Bruder zusammen mit meinen Nichten und Sophie bei gemütlichem Kerzenschein und einem Glas Rotwein. Heute lebt keines meiner Geschwister mehr; ich war ein Nachzügler und wurde erst zwanzig Jahre nach meiner jüngsten Schwester Marie geboren. Es tut gut, ihre Gesichter wieder einmal zu sehen und die Erinnerung an sie neu aufleben zu lassen; aber die allgemein harmonische Stimmung der ganzen Aufnahme tut uns allen unglaublich gut. Nach etwa fünfzehn Minuten endet sie bereits mit dem Beginn des gemeinsamen Weihnachtsessens, doch sie war lang genug, um unsere Gesichter heute Abend noch einmal in Staunen zu versetzen.
Danach reden wir noch eine Weile, scherzen sogar ein wenig und lassen ein paar mehr Erinnerungen wiederaufleben, dann ist die Stunde gekommen, um Abschied zu nehmen. Sophie und die Kinder kündigen sich für den morgigen Mittag wieder an; Kara verspricht mir, ihre Tochter Lilith mitzunehmen, und mit den besten Wünschen verlassen sie schließlich mein Zimmer. Es ist schon banal, dass ich hier liege, wo ich doch so vieles habe, wofür es sich zu leben lohnt. Morgen gilt es dann, mich noch einmal mit aller Energie dem zweiten Teil meines Besucherstromes zu widmen, und dann gehört all meine Zeit meinen Lieben – den drei Menschen, die mit mir bis zum Ende gehen werden. In Gedanken an sie nutze ich nun, wo sie sich wieder hinaus in die Nacht und den Schnee begeben haben, noch die letzten Momente dieses Tages. Ich öffne die kleine Kiste, die mir Sophie mitgebracht hat, und ziehe meinen mattschwarzen Füller mit der feinen Feder hervor, zusammen mit meiner Skizzenmappe, aus der ich ein weißes Blatt Papier entnehme. Es wird Zeit, mein Testament zu schreiben.

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In den Gesichtern meiner Familie finde ich die Ratlosigkeit wieder, mit der ich mich zu Anfang selbst konfrontiert fand. In jedem einzelnen von ihnen findet nun gerade jener Konflikt statt, der auch mich zu erdrücken drohte; die Kluft zwischen dem Vertrauen auf mein Gefühl und der momentanen Realität – und natürlich den Konsequenzen, die sich aus jeder der beiden Optionen ergeben. Mich trieb sie in einen Bruch mit mir selbst und meiner kompletten, bisherigen Weltvorstellung; zurück blieb nur die Ruine, die einmal mein Optimismus und meine Lebensfreude war. Und ich werde sicherlich nicht zulassen, dass es jenen, die ich liebe, genauso ergeht. „Tut ihr mir einen Gefallen?“ frage ich in ihre Runde. „Lächelt einmal wieder für mich. Kein aufgesetztes Lächeln oder eines, dass nur dazu dient, mir Mut zu machen; davon hatte ich vorhin bereits genug. Ich möchte ein ehrliches sehen. Auch wenn die Situation für uns alle gerade sehr schwierig ist, sollt ihr glücklich sein können. Wer könnte mir wichtiger sein als meine Frau und meine Kinder? Ich kann nicht zusehen, wie euch das alles so herunterzieht. Es ist vielleicht schwer zu verstehen, aber ich habe bereits für mich mit allem abgeschlossen, und ich bin zufrieden damit. Es ist verständlich, dass es für euch unmöglich sein wird, sich mir da anzuschließen, aber lasst die Zukunft doch einfach auf euch zukommen. Letzten Endes kann wohl keiner sagen, was passieren wird, und ich verlange ja nicht mehr von euch, als auch den schlimmstmöglichen Fall mit einzukalkulieren, damit wir diese Augenblicke jetzt noch nutzen können, falls es so kommt. Könnt ihr das für mich tun?“ Und was dann passiert, verwundert mich fürwahr: Es ist Jake, der als erstes das Schweigen bricht. Jake, der kühle, junge Anwalt, der sich als erstes auf die Spinnereien seines alten Vaters einlässt, der von seinem Hocker aufsteht, an mein Bett tritt und mich herzlich umarmt. Jake, der trotz alledem in seinem Herzen immer mein kleiner Junge geblieben ist und der es schafft, in dieser kalten Winternacht mein Herz zu erwärmen. „Du bist ein guter Vater“ flüstert er in mein Ohr. „Der beste, den man sich wünschen könnte. Ich danke dir dafür. Ich liebe dich.“ Es dauert keine zwei Sekunden, da stoßen Kara und Sophie dazu, und auch sie schlingen ihre Arme um mich. Es ist ein weiterer jener Momente, in denen Worte überflüssig sind; sie stehen einfach nur da und halten mich in meinem Bett ganz fest. Da öffnen sich mir die Augen, und ich erkenne das, was wirklich zählt. Dass mein Leben nicht umsonst gewesen sein kann, wenn diese Familie daraus hervorgegangen ist, und dass ich mich glücklich schätzen kann, ein solches Geschenk bekommen zu haben. Dann wird es plötzlich ganz warm in meiner Brust, und ohne, dass ich etwas dagegen tun könnte, öffnet sich mein trockener Mund, und ein herzliches Lachen dringt aus meiner Kehle hervor. Es geschieht ganz von selbst, überrascht mich sogar, und es hört sich an wie das fröhliche und unbetrübte Lachen eines Kindes. Sophie sieht mich verwundert an, aber sie scheint sichtlich erleichtert. Auch sie weiß nun, welch seltenes Gut Freude in solch schweren Momenten doch sein kann. Und es stimmt ja auch: Ich freue mich. Ich freue mich von ganzem Herzen. Heute Abend war ich noch einmal richtig glücklich. Ich glaube, ich kann diese Welt jetzt in Frieden verlassen.

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„Leider dürfen wir nicht allzu lange bleiben“ sagt Sophie. „Die Ärzte haben uns von dem Vorfall heute Morgen erzählt. Sie deuten ihn zwar weder positiv noch negativ - jedenfalls jetzt noch nicht – aber sie meinen, dass das heute alles ein bisschen viel für dich war. Deine Werte haben sich zwar in der letzten Zeit stabilisiert, aber du weißt ja, wie penibel sie da sind. Ich kann sie auch verstehen. Aber trotzdem – fürs erste gehören wir dir.“ „Ich danke euch“ erwidere ich ihnen. „Dass wir heute hier so zusammensitzen können, bedeutet mir wirklich sehr viel. Es ist fast ein bisschen wie früher, bevor ihr beiden ausgezogen seid. Und ich weiß, dass wir alle in letzter Zeit ziemlich beschäftigt waren und dass es für jeden von uns nicht immer leicht war, aber dadurch kann ich diesen Augenblick jetzt nur noch mehr schätzen.“ Jake ergreift das Wort. „Hör zu, wo wir nun schon einmal hier sind, ist es für uns natürlich kein Problem, dich auch in den nächsten Tagen zu besuchen. Du hast nach uns gerufen. Nun, hier sind wir, und wir werden dir helfen, so gut wir können. Ich finde, du siehst schon viel besser aus als vor einem Monat. Es hat sich unglaublich viel getan, und in der kurzen Zeit hat sich die Krankheit doch auch nicht wieder weiter ausgebreitet. Warte einfach ein paar Tage ab, dann wirst du merken, dass du auf dem Weg der Besserung bist.“
Da verfinstert sich plötzlich meine Mine, und ich werde ganz ernst, als ich ihm antworte. „Fang nicht so an, Jake. Wenn du wirklich glaubst, was du sagst, dann hast du noch nicht verstanden, warum du heute hier bist.“ Da legt sich eine unheimliche Stille über das Gespräch und unsere ganze Runde, und keiner sagt ein Wort. Jake wirkt etwas bestürzt und verunsichert, wo er mir doch nur gut zureden wollte. Ich beginne, wieder zu reden und es ihm zu erklären, auch wenn es ganz und gar nicht einfach ist – für keinen von uns. „Ihr alle seid nicht hier, weil ich mich unwohl fühle oder mentale Unterstützung bei meiner Genesung brauche. Dass ihr alle gekommen seid spricht dafür, dass ihr auch nichts dergleichen denkt; ich möchte es nur noch einmal klarstellen. Ich weiß nicht, was euch eure Mutter erzählt hat, aber ich denke, dass ich nicht mehr allzu lange zu leben habe.“
Sophie beginnt langsam, ihren Handrücken gegen ihre leicht zitternden Lippen zu drücken. Ihre Augen füllen sich wieder mit Tränen. In den Gesichtern der Kinder steht blankes Entsetzen. Dann beginnt auch Kara, leise zu weinen. Und Jake, Jake sitzt einfach nur da und sagt gar nichts. Selbst ihm als Anwalt hat meine Offenheit die Sprache verschlagen, und er versucht gar nicht erst, mit beruhigenden Worten zu kontern.
Ihre Bestürzung verwundert mich nicht, denn im Gegensatz zu mir haben sie noch nicht mit meinem Schicksal abgeschlossen. „Versteht mich nicht falsch“ fahre ich fort, in einem verzweifelten Versuch, der Situation etwas Spannung zu nehmen, „das hört sich beim ersten Mal härter an, als es eigentlich ist. Ich bin nicht mehr jung, und jedes Leben findet einmal ein Ende. Und ich glaube, dass ich fühle, dass für mich dieser Zeitpunkt bald gekommen ist. Wenn es euch hilft, dann tut das Ganze nur als eine Vermutung von mir ab und hört auf die Ärzte, dann könnt ihr besser schlafen und macht das, was jeder normale Mensch auch tun würde. Und wenn ich trotzdem Recht behalten sollte, dann waren wir alle wenigstens darauf gefasst und konnten jetzt noch eine schöne Zeit zusammen verbringen.“

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„Liebling, wach auf. Wir können nicht sehr lange bleiben, aber wir sind alle hier. Hier, bei dir.“ Sophies Stimme lässt mich aus der Dunkelheit sanft meinen unruhigen Träumen entgleiten. Träume von einem einzelnen Auge mit einer schmalen Pupille wie von Blut, verwoben mit der Nacht. Ich weiß nicht, was sie bedeuten, aber jetzt sind sie vorbei. Ich bin wieder hier in meiner Welt, und tatsächlich sind das erste, was meine Augen nach dem Erwachen sehen, die Gesichter meiner Frau und meiner Kinder. Sophie sitzt auf dem Besucherstuhl neben meinem Nachttisch, jenem Platz, auf dem am Vortag noch mein Freund Nicolai saß und mit mir sprach. Und zu meiner Rechten, auf zwei hinzu geholten Hockern, erblicke ich endlich die vertrauten Züge von Kara und Jake. Ihre Anwesenheit erfreut und erleichtert mich, denn ich weiß, dass es für beide nicht leicht war, heute Abend hier zu erscheinen. Letztendlich war es wohl das starke Band unserer Familie, das uns alle schon immer zusammengehalten hat. „Meine Güte, ich freue mich, dass ihr tatsächlich so früh kommen konntet“ sage ich zu ihnen. „Mom hat uns gesagt, dass vielleicht irgendetwas mit dir nicht in Ordnung wäre. Ich hatte noch ein paar Urlaubstage frei und wäre über Weihnachten ja sowieso hierher gekommen, also habe ich gleich den nächstbesten Flieger aus Dublin hierher genommen“ antwortet Jake mit einer Selbstverständlichkeit, die mich erstaunt und mit Stolz erfüllt. Er versucht, ganz gelassen zu bleiben, aber ich weiß seine schnelle Anreise sehr zu schätzen. Er wollte schon ins Ausland, seit er ein kleiner Junge war, und so hat es ihn schließlich gleich nach seinem Schulabschluss nach Irland verschlagen, wo er heute als Anwalt arbeitet. „Die paar Tage machen auch keinen Unterschied, mach dir mal keinen Kopf. Ich habe in letzter Zeit genug gearbeitet, da hab ich mir auch einen etwas längeren Urlaub einmal verdient“ fügt er mit einem sanften Lächeln hinzu und umfasst meine Hand. Mein Blick wandert weiter zu Kara und trifft sich schließlich mit dem ihren grünbraunen, freundlichen Augen. „Für mich war es auch kein größeres Problem, heute Abend hier zu sein“ sagt sie leise. „Ich war seit Montag mit meiner Klasse auf Klassenfahrt, aber wir wären sowieso morgen früh wiedergekommen. Es ist ja noch eine zweite Lehrkraft dabei, da war es in Ordnung, dass ich am Abend vorher schon einmal abgereist bin.“ Auch sie schenkt mir ein Lächeln und vereint ihre Hand mit denen von Jake und mir. Es scheint, als stünde die Zeit in diesem Raum für ein paar Sekunden still, während draußen die Schneeböen durch den Nachthimmel ziehen. Ein Moment voller familiärem Frieden, der mich sogar fast meinen Krankheit und meine dunkle Zukunft vergessen lässt. Sie sind die Lichter in meinem Herzen, und ich muss einmal mehr innerlich lachen, als sie einmal mehr so vor mir sitzen. Sie beide waren schon als Kinder wie zwei kleine Abbilder von Sophie und mir, wobei Kara mit ihrem dunkelbraunen, welligen Haar und dem hellen Teint ganz nach ihrer Mutter kam, während sich bei Jake mit seinen hellblauen Augen und dunkelblonden Haaren schon immer große Ähnlichkeit mit mir hatte. Kara und Jake waren für uns immer einer der großen Beweise unserer glücklichen Ehe, und so rufen sie mir auch jetzt vor Augen, was für schöne und einzigartige Wurzeln unsere Liebe doch geschlagen hat.

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Und tatsächlich: Einige Stunden später sind die ersten da. Sie bringen Pralinen und Geschenke an mein Krankenhausbett, wie einst die Weisen aus dem Morgenland. Ich bitte sie alle hinein, einige Nachbarn, Bekannte und alte Schulfreunde aus der Umgebung. Sie kommen und gehen, fragen, wie es mir geht, versuchen, mich aufzuheitern und versuchen, ihre Bestürzung über meine ausgemergelte Erscheinung zu verbergen. Ich tue es ihnen gleich, scherze mit ihnen, lache über die alten Zeiten und sage, ich sei auf dem Wege der Besserung. Zweifellos sind sie alle verwundert, dass ich sie gerade für heute bestellt habe, wo es doch anscheinend keinen speziellen Anlass gibt; Sophie hat es nur einigen von ihnen gesagt. Nun stehen und sitzen sie da, meist mit bis zu sechs Leuten, gedrängt in meinem kleinen Zimmer. Manche kennen sich noch nicht, doch schon bald brechen alle Bande und es entsteht eine muntere Gesprächsrunde, ganz in meinem Sinn. Dennoch gelingt es mir, den persönlichen Bezug zu jedem aufrecht zu erhalten, trotz unserer Runde über privates zu sprechen und allen einzeln noch einmal zu sagen, was ich ihnen zu sagen habe und was sie nie vergessen sollen: Wie dankbar ich für unsere Freundschaft bin, mit welchem Respekt ich den Lebensstil und den Charakter von manchen immer schon bewundert habe und wie viel sie mir bedeuten. Ich spare mir alle negative Kritik, auch wenn ein jeder so seine Ecken und Kanten besitzt, und gebe ihnen meine tiefsten Komplimente mit auf den Weg, die von Herzen kommen. Denn egal, wer sich nach einer Weile dann von mir verabschiedet, um wieder sein Heim und seine Familie aufzusuchen, tut dies unwissentlich für immer. Ich blicke jedem, der geht, noch einmal tief in sein Gesicht; versuche, es mir mit all seinen Formen und Details einzuprägen und mit einer schönen Erinnerung zu verbinden. So treffe ich an diesem Tag zum letzten Mal auf siebzehn Menschen, die danach für immer aus meinem Leben verschwinden – oder ich vielmehr aus ihrem. Auch meine Frau schaut kurz herein und kündigt sich für den Abend noch einmal mit den Kindern an, dann ist der Raum bis auf mich wieder leer; eine Ruhepause, die ich willkommen heiße. Die Ärzte melden sich noch einmal zu Wort, überprüfen mein Blut und führen eine kurze Reihe von Tests mit mir durch. Sie sagen, dass es nur der Sicherheit diene, aber ich sehe die verborgene Unsicherheit in ihren Blicken auflodern – sie sehen so aus, als ob ihnen da etwas ganz und gar nicht gefällt. Sie verabschieden sich mit dem Tadel, dass sie morgen einschreiten müssten, wenn hier wieder so ein Menschenauflauf zusammenkäme, und raten mir dringend zu mehr Schlaf und Erholung. Ich weiß, dass sie es nur gut mit mir meinen und dass das zu ihrem Beruf und ihrer Pflicht gehört, dennoch regt sich in mir eine leichte Anspannung. Heute war ein guter Tag, ganz in dem Sinne, in dem ich ihn geplant habe. Mir fehlen allerdings noch so viele Menschen, die mir wichtig sind, dass jede Besuchseinschränkung, die mir morgen aufgezwungen werden kann, ein Stich ins Herz ist. Mir bleibt nichts anderes übrig, als zu warten – wie so oft – und den Tag mit meinen Lieben gemächlich ausklingen zu lassen. Jetzt ist es so friedlich hier...ich mache meine Augen zu, und es dauert nicht lange, da haben mich der Schlaf und die Erschöpfung einmal mehr in ihren Bann gezogen.

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Als ich erwache, dreht sich alles in meinem Kopf. Er fühlt sich schwer an, so benebelt und betäubt. Ich weiß nicht mehr, was mich in dieser Nacht geplagt hat, aber es müssen schlimme Träume gewesen sein. Mein Atem geht schnell und flach, spüre die Schweißtropfen auf meiner Stirn. Ich spüre, dass ich anscheinend vor Minuten große Angst gelitten haben muss. Ganz ruhig, Edmond. Entspann dich. Du bist krank, du kannst dir keine zusätzlichen Aufregungen oder Spannungen leisten. Schließe die Augen, versuche, dich zu erinnern. Aber es ist zwecklos, mein Traum entzieht sich meinem Geist, wie es so oft der Fall ist. Zurück bleibt nur ein unbehagliches Gefühl, das mich erschaudern lässt. Ich kann mich nicht erinnern, dass ein schon vergessener Traum jemals so nachhaltig auf mich eingewirkt hat.
Durch mein Fenster strömt bereits das erste Tageslicht. Es ist noch früh, doch es scheint, als hätte ich heute dennoch etwas länger geschlafen als in den Tagen zuvor – bis zu meinem unerfreulichen Erwachen. Und dann, ganz plötzlich, bemerke ich ihn. Den markanten, unvergesslichen Geschmack von Eisen in meinem Mund. Den Geschmack von Blut. Was ist passiert? Habe ich mir bei meinen unruhigen Träumen auf die Lippen oder auf die Zunge gebissen? Ich schalte mein Nachtlicht ein, um meine Sicht zu verbessern, und öffne die zweite Schublade meines kleinen Nachttisches, um einen kleinen Spiegel herauszuholen. Jetzt entdecke ich die Spur aus kleinen Bluttropfen, die sich auf meinem Kopfkissen und einem Teil der Decke verteilt haben. Die meisten sind bereits dunkelrot in die weiße Bettwäsche eingetrocknet, doch zwischen ihnen lassen sich ebenso einige hellrote Spritzer erkennen, die anscheinend noch ganz frisch sind. Ich halte den Spiegel vor mein blasses Gesicht und untersuche meinen Mund. Mehrere Rinnsale aus Blut ziehen sich fein von meiner Unterlippe über mein Kinn, und schon bald habe ich den Ursprung der Verletzung in meinem Zahnfleisch entdeckt. Keine fünf Minuten später nehmen sich ein Arzt und eine Schwester meiner an, lassen meine Laken wechseln und erklären mir, dass es sich dabei nur um eine ganz normale Begleiterscheinung meiner Krankheit handelt. Durch das starke Wachstum der weißen Blutzellen im Knochenmark werden meine auch die für die Blutgerinnung wichtigen Thrombozyten nicht mehr in ausreichender Menge gebildet, sagen sie. Sie erklären mir, dass das nicht ungewöhnlich sei und noch eine Nachwirkung aus der Zeit vor der Chemo sein könnte, doch in ihren Augen sehe ich, was sie dabei wirklich befürchten: Dass die Therapie immer noch nicht richtig angeschlagen ist und sich der Krebs wieder ausbreitet. Als ich dem Arzt sage, dass ich heute viel Besuch erwarte, widerspricht er mir deutlich. Verordnet viel Ruhe, kürzt meine Besuchszeiten für die nächsten Tage. Das bedeutet für mich, dass mein Chaos eher zunimmt und ich vielleicht mehrere Besuche zusammenlegen muss. Es heißt aber auch, dass es um mich wohl ernster steht, als man vor mir zugeben will. Mir ist es einerlei; ich bin froh, dass es überhaupt zu dem heutigen Tage gekommen ist. Ich sehe ihm mit einem Lächeln entgegen, das Blut hat meinen Sarkasmus geweckt. Ich bin längst verloren, also fangen wir an, das Beste daraus zu machen.

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Mittwoch

Edmond rannte durch die Nacht. Er war schon längst am Ende seiner Kräfte angekommen, doch er durfte nicht stehen bleiben. Es verfolgte ihn immer noch. Schnell warf er einen ängstlichen Blick über die Schulter, doch er konnte es im Moment nicht sehen – noch nicht.
Sein Herz raste, während er sich mühevoll durch die engen Gassen Edens kämpfte. Die beiden Hecken zu seinen Seiten ragten weit in den schwarzen Himmel hinauf und erstickten das Mond- und Sternlicht. Inzwischen war alle Hoffnung aus Edmonds Herzen gewichen. Er irrte seit Tagen umher, ohne zu wissen, wo er war, oder wie nah er sich seinem Ziel befand. Hoffnung hatte es ohnehin nie viel gegeben, aber dieser Tatsache nun ins Gesicht zu sehen, war noch einmal ein ganz anderes Erlebnis. Er hatte bereits mehr Glück gehabt, als viele andere, schließlich hatte es ihn noch nicht gleich gefunden. Aber Edmond wusste, dass es alt war, so alt wie dieser Ort selbst, und dass es am Ende jeden bekam, der es wagte, sein Reich zu betreten. Er setzte zu einem zusätzlichen Sprint an, um mit seinen letzten Reserven seinen Vorsprung noch etwas zu vergrößern, und stürmte in den nächsten Gang zu seiner Linken. Ein kleiner Zweig schlug ihm ins Gesicht und peitschte über seine Wange, doch er nahm ihn kaum wahr. Der Druck in seinem Kopf nahm zu, das Blut pulsierte wie wild in seinen Schläfen. Es interessierte ihn nicht. Er konzentrierte all seine Gedanken und Wahrnehmungen nur noch auf das eine Ziel, dass er nun vor Augen hatte: Zu überleben. Plötzlich schrak er zusammen. War das nicht gerade ein Rascheln hinter ihm, als ob da jemand gerade genauso stark die Kurve geschnitten hätte, wie er? Edmond beschloss, sich noch einmal umzublicken, rannte dabei noch ein Stück schneller und sah nach hinten. Auf den ersten Blick wirkte alles normal; Büsche, Zweige, Wurzeln und die immer währende Finsternis. Doch dann, in weiter Ferne, flammte es hinter ihm auf: Ein großes, einzelnes, rotes Auge, mitten in der Dunkelheit. Es starrte ihn an, und aus seinem Ausdruck sprach der pure Wahnsinn – und eine alles verschlingende, nicht zu stillende Gier. Edmond riss den Kopf wieder nach vorn, seine Füße flogen nur so über den lehmigen Boden. Es hatte ihn gleich eingeholt, und dann würde alles vorbei sein. Tränen der Verzweiflung und des Zorns liefen ihm aus den Augenwinkeln und vermischten sich mit dem Blut aus seiner Wange. Er hatte es nicht geschafft, er hatte versagt wie all die anderen. Er hatte gewusst, was ihn erwartet, hatte von den Grauen gehört, die ihm bevorstünden, und doch hatte ihn niemand davon abhalten können. Er war so sehr von sich überzeugt gewesen, nun hatte er alles verloren. Und da, in einem Moment der Unachtsamkeit, stolperte er über eine Wurzel und schlug hart und mit ganzer Länge auf den Boden. Es war vorbei. Edmond wusste es. Aufstehen hatte keinen Sinn mehr, es war jetzt hier, genau vor ihm. Der Moment war gekommen, auf den es so lange gewartet hatte, das neue Ende eines grausamen Spieles. Mit seiner letzten Kraft drehte Edmond sich um, um dem schwarzen Monster ins Gesicht zu sehen. Was er erblickte, war schieres Entsetzen; einen animalischen Rausch aus schwarzem Fell, scharfen Klauen und seinem einen, feuerroten Auge. Dann schlug es seine Zähne in ihn hinein, und er sah nicht mehr.