Seite 21

„Ich fürchte, nun müsst ihr auch bald gehen“, sage ich, „aber ich glaube, ich hab da vorher noch eine Überraschung für euch.“ „Das hast du früher immer gesagt, bevor du uns zum Zahnarzt geschleppt hast“ entgegnet Kara mit einem Zwinkern. „Und du immer, wenn du wieder eine Fünf angeschleppt hast“ antworte ich, und wir alle müssen lachen. „Nein, Kara, diesmal ist es eine schöne Überraschung. Würdest du mir mein Notebook geben? Es befindet sich neben dem Bett, in einer Tasche auf dem Boden. Ich habe gestern noch ein paar alte Dateien durchforstet und dabei etwas ganz Besonderes gefunden. Da war ein ganzer Ordner voll Videoaufnahmen, die ich, bevor ich ins Krankenhaus kam, zu Hause schon seit Ewigkeiten gesucht habe. Er ging wohl irgendwie auf einer meiner externen Festplatten verloren und ist mir nun wieder begegnet.“ Wir rücken zusammen und kauern uns in einem kleinen Kreis um den aufgeklappten Bildschirm auf meinen Knien, während ich eine der Aufnahmen starte. Es ist der Mitschnitt eines Weihnachtsfestes vor vielen Jahren, als die Kinder noch klein waren. Kara muss gerade drei Jahre alt gewesen sein und Jake dann zwölf; er bläst gerade die ersten, schiefen Töne in die silberne Mundharmonika, die er bekommen hat, während Kara auf einem hölzernen, altmodischen Schaukelpferd vor dem prachtvoll geschmückten Baum auf- und abwippt und sich vor Übermut kaum noch einkriegen kann. Es ist eines der großen Feste, die unsere Familie früher stets in großem Kreis zusammen gefeiert hat; auf dem Sofa sitzen meine beiden Schwestern und mein Bruder zusammen mit meinen Nichten und Sophie bei gemütlichem Kerzenschein und einem Glas Rotwein. Heute lebt keines meiner Geschwister mehr; ich war ein Nachzügler und wurde erst zwanzig Jahre nach meiner jüngsten Schwester Marie geboren. Es tut gut, ihre Gesichter wieder einmal zu sehen und die Erinnerung an sie neu aufleben zu lassen; aber die allgemein harmonische Stimmung der ganzen Aufnahme tut uns allen unglaublich gut. Nach etwa fünfzehn Minuten endet sie bereits mit dem Beginn des gemeinsamen Weihnachtsessens, doch sie war lang genug, um unsere Gesichter heute Abend noch einmal in Staunen zu versetzen.
Danach reden wir noch eine Weile, scherzen sogar ein wenig und lassen ein paar mehr Erinnerungen wiederaufleben, dann ist die Stunde gekommen, um Abschied zu nehmen. Sophie und die Kinder kündigen sich für den morgigen Mittag wieder an; Kara verspricht mir, ihre Tochter Lilith mitzunehmen, und mit den besten Wünschen verlassen sie schließlich mein Zimmer. Es ist schon banal, dass ich hier liege, wo ich doch so vieles habe, wofür es sich zu leben lohnt. Morgen gilt es dann, mich noch einmal mit aller Energie dem zweiten Teil meines Besucherstromes zu widmen, und dann gehört all meine Zeit meinen Lieben – den drei Menschen, die mit mir bis zum Ende gehen werden. In Gedanken an sie nutze ich nun, wo sie sich wieder hinaus in die Nacht und den Schnee begeben haben, noch die letzten Momente dieses Tages. Ich öffne die kleine Kiste, die mir Sophie mitgebracht hat, und ziehe meinen mattschwarzen Füller mit der feinen Feder hervor, zusammen mit meiner Skizzenmappe, aus der ich ein weißes Blatt Papier entnehme. Es wird Zeit, mein Testament zu schreiben.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen