„Leider dürfen wir nicht allzu lange bleiben“ sagt Sophie. „Die Ärzte haben uns von dem Vorfall heute Morgen erzählt. Sie deuten ihn zwar weder positiv noch negativ - jedenfalls jetzt noch nicht – aber sie meinen, dass das heute alles ein bisschen viel für dich war. Deine Werte haben sich zwar in der letzten Zeit stabilisiert, aber du weißt ja, wie penibel sie da sind. Ich kann sie auch verstehen. Aber trotzdem – fürs erste gehören wir dir.“ „Ich danke euch“ erwidere ich ihnen. „Dass wir heute hier so zusammensitzen können, bedeutet mir wirklich sehr viel. Es ist fast ein bisschen wie früher, bevor ihr beiden ausgezogen seid. Und ich weiß, dass wir alle in letzter Zeit ziemlich beschäftigt waren und dass es für jeden von uns nicht immer leicht war, aber dadurch kann ich diesen Augenblick jetzt nur noch mehr schätzen.“ Jake ergreift das Wort. „Hör zu, wo wir nun schon einmal hier sind, ist es für uns natürlich kein Problem, dich auch in den nächsten Tagen zu besuchen. Du hast nach uns gerufen. Nun, hier sind wir, und wir werden dir helfen, so gut wir können. Ich finde, du siehst schon viel besser aus als vor einem Monat. Es hat sich unglaublich viel getan, und in der kurzen Zeit hat sich die Krankheit doch auch nicht wieder weiter ausgebreitet. Warte einfach ein paar Tage ab, dann wirst du merken, dass du auf dem Weg der Besserung bist.“
Da verfinstert sich plötzlich meine Mine, und ich werde ganz ernst, als ich ihm antworte. „Fang nicht so an, Jake. Wenn du wirklich glaubst, was du sagst, dann hast du noch nicht verstanden, warum du heute hier bist.“ Da legt sich eine unheimliche Stille über das Gespräch und unsere ganze Runde, und keiner sagt ein Wort. Jake wirkt etwas bestürzt und verunsichert, wo er mir doch nur gut zureden wollte. Ich beginne, wieder zu reden und es ihm zu erklären, auch wenn es ganz und gar nicht einfach ist – für keinen von uns. „Ihr alle seid nicht hier, weil ich mich unwohl fühle oder mentale Unterstützung bei meiner Genesung brauche. Dass ihr alle gekommen seid spricht dafür, dass ihr auch nichts dergleichen denkt; ich möchte es nur noch einmal klarstellen. Ich weiß nicht, was euch eure Mutter erzählt hat, aber ich denke, dass ich nicht mehr allzu lange zu leben habe.“
Sophie beginnt langsam, ihren Handrücken gegen ihre leicht zitternden Lippen zu drücken. Ihre Augen füllen sich wieder mit Tränen. In den Gesichtern der Kinder steht blankes Entsetzen. Dann beginnt auch Kara, leise zu weinen. Und Jake, Jake sitzt einfach nur da und sagt gar nichts. Selbst ihm als Anwalt hat meine Offenheit die Sprache verschlagen, und er versucht gar nicht erst, mit beruhigenden Worten zu kontern.
Ihre Bestürzung verwundert mich nicht, denn im Gegensatz zu mir haben sie noch nicht mit meinem Schicksal abgeschlossen. „Versteht mich nicht falsch“ fahre ich fort, in einem verzweifelten Versuch, der Situation etwas Spannung zu nehmen, „das hört sich beim ersten Mal härter an, als es eigentlich ist. Ich bin nicht mehr jung, und jedes Leben findet einmal ein Ende. Und ich glaube, dass ich fühle, dass für mich dieser Zeitpunkt bald gekommen ist. Wenn es euch hilft, dann tut das Ganze nur als eine Vermutung von mir ab und hört auf die Ärzte, dann könnt ihr besser schlafen und macht das, was jeder normale Mensch auch tun würde. Und wenn ich trotzdem Recht behalten sollte, dann waren wir alle wenigstens darauf gefasst und konnten jetzt noch eine schöne Zeit zusammen verbringen.“
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