Seite 16

Als ich erwache, dreht sich alles in meinem Kopf. Er fühlt sich schwer an, so benebelt und betäubt. Ich weiß nicht mehr, was mich in dieser Nacht geplagt hat, aber es müssen schlimme Träume gewesen sein. Mein Atem geht schnell und flach, spüre die Schweißtropfen auf meiner Stirn. Ich spüre, dass ich anscheinend vor Minuten große Angst gelitten haben muss. Ganz ruhig, Edmond. Entspann dich. Du bist krank, du kannst dir keine zusätzlichen Aufregungen oder Spannungen leisten. Schließe die Augen, versuche, dich zu erinnern. Aber es ist zwecklos, mein Traum entzieht sich meinem Geist, wie es so oft der Fall ist. Zurück bleibt nur ein unbehagliches Gefühl, das mich erschaudern lässt. Ich kann mich nicht erinnern, dass ein schon vergessener Traum jemals so nachhaltig auf mich eingewirkt hat.
Durch mein Fenster strömt bereits das erste Tageslicht. Es ist noch früh, doch es scheint, als hätte ich heute dennoch etwas länger geschlafen als in den Tagen zuvor – bis zu meinem unerfreulichen Erwachen. Und dann, ganz plötzlich, bemerke ich ihn. Den markanten, unvergesslichen Geschmack von Eisen in meinem Mund. Den Geschmack von Blut. Was ist passiert? Habe ich mir bei meinen unruhigen Träumen auf die Lippen oder auf die Zunge gebissen? Ich schalte mein Nachtlicht ein, um meine Sicht zu verbessern, und öffne die zweite Schublade meines kleinen Nachttisches, um einen kleinen Spiegel herauszuholen. Jetzt entdecke ich die Spur aus kleinen Bluttropfen, die sich auf meinem Kopfkissen und einem Teil der Decke verteilt haben. Die meisten sind bereits dunkelrot in die weiße Bettwäsche eingetrocknet, doch zwischen ihnen lassen sich ebenso einige hellrote Spritzer erkennen, die anscheinend noch ganz frisch sind. Ich halte den Spiegel vor mein blasses Gesicht und untersuche meinen Mund. Mehrere Rinnsale aus Blut ziehen sich fein von meiner Unterlippe über mein Kinn, und schon bald habe ich den Ursprung der Verletzung in meinem Zahnfleisch entdeckt. Keine fünf Minuten später nehmen sich ein Arzt und eine Schwester meiner an, lassen meine Laken wechseln und erklären mir, dass es sich dabei nur um eine ganz normale Begleiterscheinung meiner Krankheit handelt. Durch das starke Wachstum der weißen Blutzellen im Knochenmark werden meine auch die für die Blutgerinnung wichtigen Thrombozyten nicht mehr in ausreichender Menge gebildet, sagen sie. Sie erklären mir, dass das nicht ungewöhnlich sei und noch eine Nachwirkung aus der Zeit vor der Chemo sein könnte, doch in ihren Augen sehe ich, was sie dabei wirklich befürchten: Dass die Therapie immer noch nicht richtig angeschlagen ist und sich der Krebs wieder ausbreitet. Als ich dem Arzt sage, dass ich heute viel Besuch erwarte, widerspricht er mir deutlich. Verordnet viel Ruhe, kürzt meine Besuchszeiten für die nächsten Tage. Das bedeutet für mich, dass mein Chaos eher zunimmt und ich vielleicht mehrere Besuche zusammenlegen muss. Es heißt aber auch, dass es um mich wohl ernster steht, als man vor mir zugeben will. Mir ist es einerlei; ich bin froh, dass es überhaupt zu dem heutigen Tage gekommen ist. Ich sehe ihm mit einem Lächeln entgegen, das Blut hat meinen Sarkasmus geweckt. Ich bin längst verloren, also fangen wir an, das Beste daraus zu machen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen