Mittwoch
Edmond rannte durch die Nacht. Er war schon längst am Ende seiner Kräfte angekommen, doch er durfte nicht stehen bleiben. Es verfolgte ihn immer noch. Schnell warf er einen ängstlichen Blick über die Schulter, doch er konnte es im Moment nicht sehen – noch nicht.
Sein Herz raste, während er sich mühevoll durch die engen Gassen Edens kämpfte. Die beiden Hecken zu seinen Seiten ragten weit in den schwarzen Himmel hinauf und erstickten das Mond- und Sternlicht. Inzwischen war alle Hoffnung aus Edmonds Herzen gewichen. Er irrte seit Tagen umher, ohne zu wissen, wo er war, oder wie nah er sich seinem Ziel befand. Hoffnung hatte es ohnehin nie viel gegeben, aber dieser Tatsache nun ins Gesicht zu sehen, war noch einmal ein ganz anderes Erlebnis. Er hatte bereits mehr Glück gehabt, als viele andere, schließlich hatte es ihn noch nicht gleich gefunden. Aber Edmond wusste, dass es alt war, so alt wie dieser Ort selbst, und dass es am Ende jeden bekam, der es wagte, sein Reich zu betreten. Er setzte zu einem zusätzlichen Sprint an, um mit seinen letzten Reserven seinen Vorsprung noch etwas zu vergrößern, und stürmte in den nächsten Gang zu seiner Linken. Ein kleiner Zweig schlug ihm ins Gesicht und peitschte über seine Wange, doch er nahm ihn kaum wahr. Der Druck in seinem Kopf nahm zu, das Blut pulsierte wie wild in seinen Schläfen. Es interessierte ihn nicht. Er konzentrierte all seine Gedanken und Wahrnehmungen nur noch auf das eine Ziel, dass er nun vor Augen hatte: Zu überleben. Plötzlich schrak er zusammen. War das nicht gerade ein Rascheln hinter ihm, als ob da jemand gerade genauso stark die Kurve geschnitten hätte, wie er? Edmond beschloss, sich noch einmal umzublicken, rannte dabei noch ein Stück schneller und sah nach hinten. Auf den ersten Blick wirkte alles normal; Büsche, Zweige, Wurzeln und die immer währende Finsternis. Doch dann, in weiter Ferne, flammte es hinter ihm auf: Ein großes, einzelnes, rotes Auge, mitten in der Dunkelheit. Es starrte ihn an, und aus seinem Ausdruck sprach der pure Wahnsinn – und eine alles verschlingende, nicht zu stillende Gier. Edmond riss den Kopf wieder nach vorn, seine Füße flogen nur so über den lehmigen Boden. Es hatte ihn gleich eingeholt, und dann würde alles vorbei sein. Tränen der Verzweiflung und des Zorns liefen ihm aus den Augenwinkeln und vermischten sich mit dem Blut aus seiner Wange. Er hatte es nicht geschafft, er hatte versagt wie all die anderen. Er hatte gewusst, was ihn erwartet, hatte von den Grauen gehört, die ihm bevorstünden, und doch hatte ihn niemand davon abhalten können. Er war so sehr von sich überzeugt gewesen, nun hatte er alles verloren. Und da, in einem Moment der Unachtsamkeit, stolperte er über eine Wurzel und schlug hart und mit ganzer Länge auf den Boden. Es war vorbei. Edmond wusste es. Aufstehen hatte keinen Sinn mehr, es war jetzt hier, genau vor ihm. Der Moment war gekommen, auf den es so lange gewartet hatte, das neue Ende eines grausamen Spieles. Mit seiner letzten Kraft drehte Edmond sich um, um dem schwarzen Monster ins Gesicht zu sehen. Was er erblickte, war schieres Entsetzen; einen animalischen Rausch aus schwarzem Fell, scharfen Klauen und seinem einen, feuerroten Auge. Dann schlug es seine Zähne in ihn hinein, und er sah nicht mehr.
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