Seite 17

Und tatsächlich: Einige Stunden später sind die ersten da. Sie bringen Pralinen und Geschenke an mein Krankenhausbett, wie einst die Weisen aus dem Morgenland. Ich bitte sie alle hinein, einige Nachbarn, Bekannte und alte Schulfreunde aus der Umgebung. Sie kommen und gehen, fragen, wie es mir geht, versuchen, mich aufzuheitern und versuchen, ihre Bestürzung über meine ausgemergelte Erscheinung zu verbergen. Ich tue es ihnen gleich, scherze mit ihnen, lache über die alten Zeiten und sage, ich sei auf dem Wege der Besserung. Zweifellos sind sie alle verwundert, dass ich sie gerade für heute bestellt habe, wo es doch anscheinend keinen speziellen Anlass gibt; Sophie hat es nur einigen von ihnen gesagt. Nun stehen und sitzen sie da, meist mit bis zu sechs Leuten, gedrängt in meinem kleinen Zimmer. Manche kennen sich noch nicht, doch schon bald brechen alle Bande und es entsteht eine muntere Gesprächsrunde, ganz in meinem Sinn. Dennoch gelingt es mir, den persönlichen Bezug zu jedem aufrecht zu erhalten, trotz unserer Runde über privates zu sprechen und allen einzeln noch einmal zu sagen, was ich ihnen zu sagen habe und was sie nie vergessen sollen: Wie dankbar ich für unsere Freundschaft bin, mit welchem Respekt ich den Lebensstil und den Charakter von manchen immer schon bewundert habe und wie viel sie mir bedeuten. Ich spare mir alle negative Kritik, auch wenn ein jeder so seine Ecken und Kanten besitzt, und gebe ihnen meine tiefsten Komplimente mit auf den Weg, die von Herzen kommen. Denn egal, wer sich nach einer Weile dann von mir verabschiedet, um wieder sein Heim und seine Familie aufzusuchen, tut dies unwissentlich für immer. Ich blicke jedem, der geht, noch einmal tief in sein Gesicht; versuche, es mir mit all seinen Formen und Details einzuprägen und mit einer schönen Erinnerung zu verbinden. So treffe ich an diesem Tag zum letzten Mal auf siebzehn Menschen, die danach für immer aus meinem Leben verschwinden – oder ich vielmehr aus ihrem. Auch meine Frau schaut kurz herein und kündigt sich für den Abend noch einmal mit den Kindern an, dann ist der Raum bis auf mich wieder leer; eine Ruhepause, die ich willkommen heiße. Die Ärzte melden sich noch einmal zu Wort, überprüfen mein Blut und führen eine kurze Reihe von Tests mit mir durch. Sie sagen, dass es nur der Sicherheit diene, aber ich sehe die verborgene Unsicherheit in ihren Blicken auflodern – sie sehen so aus, als ob ihnen da etwas ganz und gar nicht gefällt. Sie verabschieden sich mit dem Tadel, dass sie morgen einschreiten müssten, wenn hier wieder so ein Menschenauflauf zusammenkäme, und raten mir dringend zu mehr Schlaf und Erholung. Ich weiß, dass sie es nur gut mit mir meinen und dass das zu ihrem Beruf und ihrer Pflicht gehört, dennoch regt sich in mir eine leichte Anspannung. Heute war ein guter Tag, ganz in dem Sinne, in dem ich ihn geplant habe. Mir fehlen allerdings noch so viele Menschen, die mir wichtig sind, dass jede Besuchseinschränkung, die mir morgen aufgezwungen werden kann, ein Stich ins Herz ist. Mir bleibt nichts anderes übrig, als zu warten – wie so oft – und den Tag mit meinen Lieben gemächlich ausklingen zu lassen. Jetzt ist es so friedlich hier...ich mache meine Augen zu, und es dauert nicht lange, da haben mich der Schlaf und die Erschöpfung einmal mehr in ihren Bann gezogen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen