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Dienstag

„Schach.“ „Vergiss es, so schnell kriegst du mich nicht. Das ist unser letztes Spiel, und ich habe nicht vor, es zu verlieren, Nicolai.“ „Wer sagt denn, dass es unser letztes ist, Edmond? Sei nicht so pessimistisch und guck lieber auf das Spielfeld. Ohne Dame stehen deine Chancen nicht mehr allzu gut.“ „Oh, wunderbar. Reib es mir doch noch mehr unter die Nase. Ich weiß, dass ich nicht aufgepasst habe. Na und? Du hast trotzdem keine Chance, mein Lieber.“ Ich mache meinen Zug, ein weiterer Sprung in unserem finalen Spiel. Wir kennen uns seit etlichen Jahren, als Nicolai damals neu auf unsere Schule kam. Und solange unsere Freundschaft schon währt, tut dies auch der Wettstreit auf dem Schachfeld.
Er war der erste, der Sophies Aufruf gefolgt ist, und nun liefern wir uns seit nunmehr zwei Stunden unseren vielleicht schwierigsten Schlagabtausch. Er ist ein letzter Wunsch, auf den Nicolai zuerst sogar verzichten wollte, und umso glücklicher bin ich nun über jeden Zug.
„Mir bleibt leider keine andere Wahl, Edmond. Weißt du, wie es zurzeit steht?“
Seine matten, braunen Augen sehen mich gütig an, während sich sein rechter Mudwinkel unter dem weißen Dreitagebart gequält nach oben verzieht. Dann dreht sich Nicolai zur Stuhllehne, über der sein dunkelgrüner Mantel hängt, und zieht ein kleines, schwarzes Notizbuch aus der Innentasche heraus. „Einen Augenblick, die Liste steht ganz hinten.“ Er rückt sich die kleine, rahmenlose Brille mit dem dünnen Gestell auf der Nase zurecht und beginnt, zu blättern. „Ah. Hier. Du führst. Überraschenderweise. Und zwar genau 1623 zu 1493, wenn du es genau wissen willst. Leider läuft mir so langsam die Zeit zum aufholen davon, und auch wenn du hier ans Bett gefesselt bist, heißt das noch lange nicht, dass ich auf meine Chance Verzichte und dich gewinnen lasse.“
„Nicolai?“ „Ja?“ „Ich danke dir für dieses Spiel.“ „Sag das nicht zu früh, es ist ja noch nicht zu Ende. Hast du mir nicht zugehört? Ich glaube nicht, dass du mir, wenn wir fertig sind, immer noch so dankbar sein wirst. Wieder Schach.“ Er zwinkert mir zu und bewegt einen Turm. „Und jetzt, Edmond, beantworte mir bitte eine Frage.“
„Die da wäre?“ „Warum bin ich heute hier?“ Ich halte kurz inne, überlege, was ich ihm sagen soll. „Was hat Sophie zu dir gesagt?“ „Sie hat mich gestern Mittag angerufen. Hat mir gesagt, dass vielleicht irgendetwas mit dir nicht in Ordnung wäre, und jetzt ein paar bekannte Gesichter brauchen würdest, die dich aufheitern. Und dass ich, wenn möglich, gleich heute Morgen schon zu dir kommen soll – was ich ja dann auch getan habe. Da war etwas in ihrer Stimme, das mir nicht gefallen hat. Sie hat so besorgt geklungen, so ernst… Tja, und nun sitze ich hier vor deinem Bett und spiele mit dir Schach.“ „Du hältst das Ganze also nur für ein paar Depressionen eines Kranken in der Therapie?“
„Das wäre wohl die einfachste Erklärung, denn die Ärzte sagen, deine Werte sind zwar noch nicht im grünen Bereich, aber durchaus noch stabil. Aber nein, ich muss dich enttäuschen. Ich glaube etwas anderes, Edmond, dafür kennen wir uns einfach schon zu lange. Ich denke, dass du schon immer sehr offen für solche… Gefühle oder Ahnungen warst, gerade was dich betrifft. Und wenn das diesmal wieder der Fall ist, dann befürchte ich das Schlimmste.“

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