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„Das ist allerdings ziemlich seltsam, Edmond. Soweit ich weiß, erweitern sterbende Menschen ihren Horizont eher, was das Thema Religion betrifft, als dass sie sich, aus welchen Gründen auch immer, plötzlich ganz davor verschließen…“ „Gerade das ist ja mein Problem“ entgegne ich. „Ich verschließe mich nicht davor, ganz im Gegenteil. Ich wäre froh und beruhigt, wenn ich diese innere Gewissheit, die ich immer hatte, auch jetzt bei mir feststellen könnte, und am besten stärker denn je. Aber dem ist leider nicht so. Ich fühle mich, als würde sich dieses Thema ganz einfach meinem Verstand entziehen, auch wenn das im Moment das Letzte ist, was ich will. Den Grund dafür kenne ich nicht, aber ich fühle mich deswegen so alleine…als hätte mich alles verlassen, an das ich je geglaubt habe.“ Dann herrscht Stille zwischen uns, wir beide sind peinlich berührt von meiner so plötzlichen Offenbahrung. Ich lehne mich in meinem Bett zurück und atme tief durch. Dieser Ausbruch hat mich viel Kraft gekostet, nun fühle ich mich etwas erleichtert. Mein Blick ruht auf meinem Freund, der sichtlich nachdenkt. „Ich fürchte, ich kann dir nicht helfen, Edmond. Ich kann dir nicht sagen, warum du so fühlst. Wie du dir denken kannst, war ich selbst noch nie in einer solchen Situation, und ich kann auch nicht sagen, dass ich jemals von etwas Derartigem gehört habe. Ich bin mir nicht sicher, ob du meine Meinung dazu kennst, aber vielleicht hilft sie dir ja, diese ganze Sache ein wenig gelassener zu sehen, auch wenn sie dir keinen Trost spenden wird.“ „Ich bin froh über jede neue Meinung, die ich hören kann“ entgegne ich ihm. „Dann schieß mal los.“ „Nunja, Edmond, ich sehe das Ganze so: Ich kann nicht wissen, was nach dem Tod mit meinem Bewusstsein, meiner Seele, oder wie auch immer man es nennen will, passiert – das ist einfach ein Fakt. Ich glaube, ich persönlich finde die Vorstellung, dass nach dem Leben einfach nichts mehr kommt, nicht so beängstigend wie manch anderer, jedenfalls habe ich bis jetzt noch kein Problem mit einer möglichen Voraussicht auf meine zukünftige Nichtexistenz. Die Idee von etwas wie einem Himmel, oder zumindest einem Ort, an dem man denen wieder begegnen kann, denen man wieder begegnen möchte, finde ich schön und interessant; wobei ich hier gar nicht über Wahrscheinlichkeiten spekulieren möchte. Und jegliche Vorstellung von etwas wie einer Hölle halte ich für kompletten Unsinn.“
„Bei deinem letzten Punkt stimme ich dir zu“ erwidere ich ihm schmunzelnd. „Aber auch ansonsten ist es ja schon durchaus sinnvoll, was du sagst, Nicolai. Letztendlich wissen wir einfach nicht, was passieren wird, und das ist das einzig Sichere, auf das wir uns verlassen können – ansonsten bleiben uns nur Wünsche, Hoffnung und Spekulationen. Und prinzipiell könnte ich auch mit der Option meiner zukünftigen Nichtexistenz leben, denn wenn es so wäre, dann wäre ja sowieso alles egal, aber… Du musst versuchen, mich zu verstehen. Ich habe irgendwo mein ganzes bisheriges Leben auf diesen Grundsätzen aufgebaut, an die ich geglaubt habe, habe in Entscheidungssituationen stets in Gedanken an sie gehandelt und mich an ihnen festgehalten, wenn ich vor schier unlösbaren Problemen stand und schon fast verzweifelt wäre. Und jetzt fällt einfach alles in sich zusammen – da kann ich nicht noch einmal neu anfangen, über all das nachzudenken und noch im letzten Moment meine Grundauffassungen ändern, so gern ich auch möchte. Und genau das ist mein Verderben.

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