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Sie den ganzen Tag lang so traurig zu sehen, ist eine ganz neue Erfahrung für mich, an die ich mich einfach nicht gewöhnen kann. In all den Jahren unserer Ehe haben wir etwas Faszinierendes geschafft, das wir uns schon ganz am Anfang unserer Beziehung versprochen haben: Auch wenn wir gealtert und auch reifer geworden sind, sind wir innerlich doch immer das verliebte, optimistische und etwas alberne Pärchen geblieben, als das wir unseren Lebens- weg begonnen haben. Und es gab immer diese Situationen, in denen der eine von uns auch einmal sehr traurig war, doch wir gaben uns immer gegenseitig Halt und die Kraft, jede Not zu überstehen. Jetzt ist das alles anders. Ich betrachte meine Frau, wie sie dort in meinem Zimmer steht und versucht, sich ihre Tränen wegzuwischen, und ich weiß, dass nun nichts auf dieser Welt ihr mehr einen Halt geben kann. Mein Schicksal hat sie gebrochen, und ich muss stark sein, damit ich bei diesem Gedanken nicht verzweifle. Diesmal kann ich ihr nicht helfen. Ich kann ihr nicht sagen, wie ich mich gerade fühle, ich kann ihr nicht sagen, sie solle jetzt stark sein. Und ich kann sie verstehen. Wären unsere Rollen vertauscht, dann ginge es mir nicht anders, dann wäre ich gefangen in einer sterbenden Welt, so wie Sophie.
„Weißt du, Edmond, das Schlimmste an dieser ganzen Situation ist, dass ich dir glaube. Du bist kein Arzt, und genauso wenig kennst du dich mit Krebsdiagnosen aus. Und dann denkst du dir heute Morgen ganz plötzlich deine eigene aus und bist fest davon überzeugt, dass sie stimmt. Und obwohl eigentlich kein weiterer Grund zu der Annahme besteht, glaube ich, dass du weißt, was du fühlst und sagst. Und das ist das Problem.“ Sie setzt sich und rückt ihren Stuhl ganz nah an mein Bett. „Ich tue für dich, was immer du willst, vor allem, weil du es nicht selbst kannst. Und es ist auch in Ordnung für mich, deinen alten Freunden durch die halbe Welt hinterher zu recherchieren, aber jeden Tag, den ich damit verbringe, ist ein Tag, an dem ich nicht bei dir sein kann. Und bald, da bist du…weg, und ich bin alleine, und…“
Der Rest ihrer Worte geht in einem Schluchzen unter, und es ist auch nicht nötig, noch mehr zu sagen. Dann sitzen wir einfach nur für fünf Minuten da und halten uns einfach nur noch ganz fest im Arm. „Sophie?“ „Ja?“ „Versuch es bitte Morgen noch einmal. Nur Morgen. Dann können wir zusammen sein, so lange du willst. Aber es gibt da einfach einige Menschen, denen ich noch etwas sagen will. Persönlich. Denen ich…Unrecht getan habe. Wäre das für dich in Ordnung?“ Und endlich, nach einer so langen Stille, schenkt sie mir wieder einmal ein zartes Lächeln. „Natürlich ist es das. Ich versuche zu tun, was ich kann.“
Da lasse ich wieder meine Hand durch ihr Haar fahren, schmiege meinen Kopf an ihren und flüstere ihr ganz leise ins Ohr. „Hey, schöne Frau, hast du Lust auf einen romantischen Abend? Ich hab da heute einen Fotoordner gefunden, der dir nicht ganz unbekannt sein dürfte.“ Sophies Lächeln wird breiter. „Na wenn es nur das ist... Ich dachte schon, du alter Mann wolltest mir ein unmoralisches Angebot machen.“ „Sophie, wie könnte ich denn. Ich meine, sieh dich doch einmal an. Du warst auch schon mal attraktiver, als du noch nicht ausschließlich aus Falten bestanden hast.“ Dann können wir nicht länger anders und fangen beide an, schallend zu lachen, paradoxer Weise, hier an meinem Sterbebett. Und da weiß ich, dass sich eigentlich tief im Inneren zwischen uns zum Glück doch gar nichts verändert hat.

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