„Oh...nunja, ich… wie darf ich das verstehen? Ich meine…“ „Lassen Sie es mich Ihnen kurz erklären“ entgegnet mir der Mann, der kaum wesentlich älter als Jake sein dürfte. „Sie haben den Kampf gegen die Krankheit zwar nicht gewonnen, allerdings hat sich Ihr Zustand auch nicht verschlechtert, und das ist vorerst ein gutes Zeichen. Mehr noch, Ihre Werte haben sich jetzt nach der zuerst noch kritischen Anfangsphase nach der OP endlich stabilisiert. Natürlich werden in Zukunft noch eine ganze Reihe an Untersuchungen und Therapien anstehen, aber ich glaube, ich darf sagen, dass Sie fürs erste aus dem roten Bereich heraus sind, Edmond.“
Obwohl ich ihn nicht sehe, kann ich den verwirrten Ausdruck und das gezwungene Grinsen in meinem Gesicht spüren, das sich in dem folgenden Moment spontaner Stille wie Wachs anfühlt. Statt der Erleichterung, die sich eigentlich in meiner Brust breit machen sollte, ist da etwas anderes, eigenartiges an ihren Platz getreten. Verwunderung, Sprachlosigkeit. Enttäuschung? Ich vermag es nicht zu beschreiben. Und während sie mich weiter ansehen, darauf warten, wie ich reagieren werde, verabschiedet sich für einen Moment mein Geist. Für Sekunden reist meine Erinnerung wie ein Blitz um Jahrzehnte zurück in die Vergangenheit. Ich war elf Jahre alt, ein Versager in der Schule, und meine Eltern, die es nur gut mit mir meinten, schickten mich, obwohl sie ihn selbst nur schwer entbehren konnten, für einen ordentlichen Geldgehalt zu einer Nachhilfeorganisation, bei der ich Einzelunterricht bekam. Ich empfand es als die reinste Qual, Woche für Woche mehrere Stunden dort zu sitzen, wehrte mich und brach so manches Mal still in Tränen aus. Letztendlich beschloss ich, es für meine Eltern zu ertragen, ihren guten Willen zu ehren und zu zeigen, dass ich es bis zum Ende durchstehen konnte, aber sie erkannten schließlich, wie es mir dabei ging, und brachen die Kurse frühzeitig ab. Das Gefühl, dass ich dabei hatte, ähnelte irgendwo dem, was ich nun empfinde, auch wenn es sich dabei nicht um das Gleiche handelt. Für mich als Elfjährigen war es damals schwer, mein Unbehagen in Trotz umzuwandeln, aber diesen durch den frühzeitigen Abbruch nicht ausdrücken zu können, löste in mir beinahe Frustration und Verwirrung aus, obwohl ich mich hätte freuen sollen.
„Paps, alles in Ordnung mit dir?“ Karas Stimme holt mich zurück in die Realität. Ich bin nicht mehr jung, und die Realität umfängt mich wieder mit der sterilen Einrichtung meiner kleinen Zelle. „Ja, natürlich. Verzeiht mir. Es ist alles gut, ich war nur gerade in Gedanken irgendwo anders. Und ich hätte wohl als letztes mit solchen Nachrichten gerechnet. Ich bin wirklich… sprachlos!“ Dann weite ich mein Grinsen zu lauten Lachen aus; einen herzlichen Klang, der diesen Raum seit meiner Einweisung noch nie in diesem Maße erfüllt hat. Es dauert nicht lange, bis die anderen drei mit einstimmen, die beiden Frauen mich umarmen und der junge Arzt mir voll Stolz und ermutigendem Blick fest die Hand drückt. Ihre Minen erwidern meine Emotionen, und in Sophies Augen haben ihren alten Schimmer der Hoffnung zurückgewonnen, den ich bereits endgültig für verloren glaubte. Die markante Sorgenfalte über ihrer linken Braue ist seit Tagen zum ersten Mal verschwunden. Ich freue mich für sie; darüber, dass sie nun endlich einmal aufatmen kann – auch wenn dafür Kara im Gegensatz zu ihrer Mutter bereits längst erkannt hat, dass ich ihnen etwas vormache.
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